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Burn-out bei Ärzten: „Die schlimmste Zeit meines Lebens“

Dtsch Arztebl 2009; 106(7): A-292 / B-250 / C-242
THEMEN DER ZEIT
Meyer, Petra
Ausgebrannte Ärzte scheuen oft davor zurück, rechtzeitig Hilfe zu suchen. Angst und Scham verhindern es.

Der Druck steigt. Unmerklich, aber stetig. Mehr als 15 lange Jahre funktioniert Saskia P. wie ein gut geöltes Rädchen im Getriebe. Alles läuft scheinbar wie geschmiert: Mit 43 Jahren ist sie eine erfolgreiche und angesehene Ärztin, die sich die schönen Dinge im Leben leisten kann. Dinge, die sie blenden und ablenken. Die sie nicht spüren lassen, welch hohen Preis sie für ihren immensen Ehrgeiz bezahlt.

Sie schuftet und schuftet, nimmt sich letztlich selbst kaum noch wahr. Bis irgendwann nur noch Schmerzen zu ihr durchdringen. Mal ist es der Bauch, mal der Kopf, der Rücken oder die Beine. Manchmal unterbricht sie die Sprechstunde mittendrin, weil sie Panik kriegt und den Patientenstrom nicht mehr bewältigen kann. Trotzdem arbeitet sie mehr als zehn Stunden täglich. Als liefe sie in einem Hamsterrad.

Dann, an einem Montag im April 2005, stirbt völlig unerwartet ihr jüngerer Bruder. Herzinfarkt, mit 41 Jahren. Saskia P., Fachärztin für Innere Medizin, spezialisiert auf Kardiologie und Angiologie, erlebt mit, wie der Notarzt versucht, ihren Bruder wiederzubeleben. Vergeblich.

Dieser Tag verändert ihr Leben. Wieso konnte sie ihm nicht helfen – sie, die Expertin in Sachen Herz? Schuld und Scham türmen sich in ihr auf, stürzen sie in einen inneren Strudel, der sie immer tiefer in die Verzweiflung treibt. Dass der Tod des Bruders gewissermaßen ihr eigenes Leben rettet, bis zu dieser ungeheuerlichen Erkenntnis wird es noch einige Monate dauern.

Doch die Uhr tickt. Immer öfter schmerzt das Herz, oder es rast. Zweimal ruft sie den Notarzt, weil auch sie einen Herzinfarkt fürchtet. „Das war mir unglaublich peinlich“, sagt sie leise. Schließlich lebt sie in einer thüringischen Kleinstadt, ist eine bekannte Ärztin am Ort. Die eigene Verwundbarkeit vor den Kollegen in der Klinik offenzulegen, beschämt sie. Sie lässt ein Belastungs-EKG machen und später auch ein Computertomogramm von ihrem Herzen. Nichts, kein Befund.

Die Zeit war ein Albtraum
Das Herzrasen hört jedoch nicht auf. Trotzdem hält Saskia P. den Praxisbetrieb monatelang aufrecht. An guten Tagen schafft sie vor Jahresende vielleicht noch zehn bis 15 Patienten. Als Weihnachten vor der Tür steht, verkrampft sich das Herz erneut. Sie fürchtet diese gefühlsbetonten Tage. Im Januar 2006 geht gar nichts mehr: „Ich habe nur noch im Bett gelegen, zwischen Panik und Depression geschwankt. Die Praxis hat mich genauso angekotzt wie mein Beruf. Nie wieder wollte ich als Ärztin arbeiten.“

Für den Ehemann ist diese Zeit ein Albtraum. Wie ein Häufchen Elend liegt sie im Bett, tagein tagaus. Bis er ihr eines Abends, nach fast einem Monat, unmissverständlich sagt, dass es so nicht mehr weitergeht, dass sie Hilfe braucht, weil sie es allein nicht schafft. „Er hat mir sprichwörtlich die Pistole auf die Brust gesetzt. Ich habe plötzlich gespürt, dass auch er nicht mehr kann und unsere Ehe auf dem Spiel steht“, erinnert sie sich. Drei Tage später lässt sie sich ins „Gezeiten Haus“ aufnehmen, eine psychosomatische Klinik im Rheinland. „Mit der Ankunft dort beginnt mein zweites Leben“, so die Ärztin.

„Werden beruflich stark überlastete Ärzte plötzlich mit dem Tod eines nahestehenden Menschen konfrontiert, kippen sie oft um“, erklärt Manfred Nelting, Ärztlicher Direktor des Gezeiten Hauses. Die große innere Abwehr des eigenen Todes, die Scham darüber zu sprechen und das tabuisierte Eingeständnis, womöglich selbst krank zu sein, treibe seiner Ansicht nach viele Ärzte in den Burn-out. Manchmal auch in die Sucht oder in den Suizid, wie Studien längst belegen.

Nelting kennt all die äußeren Gründe, die Ärzte in den Burn-out treiben: der Zeit- und Konkurrenzdruck, die Wissensexplosion, die Grenzen des ärztlichen Handelns, die hohe Verantwortung für die Patienten, der Verwaltungsaufwand, die Fremdbestimmung, das starre Sys-tem. Doch wer nur auf andere schielt, verliert sich selbst leicht aus dem Blick. Und genau da sieht Nelting ein großes Problem: „Die soziale, emotionale und kommunikative Kompetenz ist bei vielen nicht besonders ausgeprägt“, resümiert er. „Die jungen Ärzte werden in der Krankenhausarbeit beinahe militärisch gedrillt, es zählt nur die Leistung. Wer durch diese harte Schule geht, lernt nicht, sich selbst wahrzunehmen, sich mitzuteilen oder Grenzen zu setzen. Der knickt nicht ein, der drückt höchstens weg und arbeitet weiter.“

Hinzu kommt: Was in psychosozialen Berufen seit Langem Routine ist, wird von den meisten Medizinern geschmäht. „Keiner meiner Ärztepatienten hatte eine Supervision oder ließ sich coachen. Und Balint-Gruppen – na ja, die sind toll, aber immer nur für die anderen. Wer’s braucht . . . !“, so Nelting lakonisch. Dabei wirken all diese Angebote vorbeugend bei Burn-out. Prophylaxe aber gilt, wenn überhaupt, nur für die Patienten. Die meisten Ärzte rümpfen bei diesem Thema die Nase und wehren ab. „Selbst Balint hat den bedrohlichen Geruch des Psychischen“, weiß der Facharzt und fährt fort: „Die Konfrontation mit sich selbst gehört sicher zu den schwierigsten Herausforderungen im Leben.“

„Als Schulmedizinerin habe ich mich nie damit beschäftigt, dass Körper, Geist und Seele im Gleichgewicht sein müssen. Dass der Körper Symptome zeigt, wenn die Seele krank ist und die sich nicht einfach mit Pillen heilen lässt“, sagt die Fachärztin Saskia P. „Die ersten drei Wochen in der Klinik waren die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich habe an allem gezweifelt: an meiner Ehe, meinem Beruf, meinem Leben, an mir selbst. Und dann diese Angst zu sterben, vielleicht Krebs zu kriegen, die Panikattacken . . .“ Doch die Körperarbeit in der Klinik, die Einzel- und Gruppengespräche lösen ihre inneren Blockaden auf, setzen neue Energie frei. Sie beginnt, über sich zu sprechen, achtsam mit sich zu sein, sich nach Grenzen und Freiräumen zu sehnen.

Nicht zum früheren Leben zurück
Heute arbeitet sie wieder als Fachärztin für Innere Medizin, bildet sich fort in traditioneller chinesischer Medizin. Ihren Job macht sie wieder gern. Allerdings nicht mehr als Kassenärztin. „Ich will keine Dreiminutenmedizin mehr, will mit meinen Patienten in Kontakt sein und Zeit für sie haben.“ Während sie früher bis zu 1 200 Patienten im Quartal durchgeschleust hat, sind es heute um die 600. Die Ärztekollegen in der thüringischen Kleinstadt beäugen ihren Wandel derweil eher skeptisch bis ablehnend. Kaum einer überweist ihr Patienten. Konkurrenz, Neid, Abwehr? Saskia P. hebt ratlos die Schultern. Ob ihr neues Praxiskonzept aufgehen wird, bleibt noch eine Weile ungewiss. Eines weiß sie jedoch ganz sicher: „Zu meinem früheren Leben will ich nie wieder zurück.“

Auch Chefarzt Manfred Nelting erlebt bei Burn-out-Vorträgen vor Ärzten häufig, wie schnell sich die Mediziner in ihr Schneckenhaus zurückziehen. Auf die Frage, wie er sich selbst vor Burn-out schütze, erzählt er von seiner intakten Ehe, seinen Kindern und Freunden. „Meine Antwort enttäuscht viele. Denn sie selbst haben zu ihrem nahen Umfeld bereits den Kontakt verloren. Dabei sind erfüllende Beziehungen die beste Energiequelle“, so Nelting. Oder er berichtet davon, wie er immer wieder versucht, sich eigene Schwächen einzugestehen. Doch dieser Weg ist vielen zu heikel. Lieber machen sie weiter und brechen irgendwann zusammen.

„Ich musste auf die Schnauze fallen“, erklärt Saskia P. energisch. „Von keinem Kollegen und von keinem Ehemann . . . Eine Freundin hat mir mal gesagt: ,Wenn du nichts änderst, wirst du als alte, verbitterte Schrumpel enden.’ Das wollte ich aber nicht hören, ich habe mich von ihr abgewandt.“
Nelting bestätigt, dass die meisten Ärzte viel zu spät in die Klinik kommen. Gleichwohl glaubt er an einen baldigen Wandel: „Burn-out bei Ärzten verbreitet sich wie ein Flächenbrand. Noch spricht kaum jemand offen darüber. Doch was wie Granit aussieht, wird bröckeln. Zu viele sind am Limit.“
Petra Meyer

Auswahl privater Burn-out-Kliniken
www.caduceus.de
www.gezeitenhaus.de
www.heiligenfeld.org
www.oberbergklinik.de
www.privatklinik-zwischenahn.de
www.systelios.de

3 fragen an… Marion Bohn, Leiterin Krisendienst Berlin-Nord, Ärztin und Supervisorin
Marion Bohn, Leiterin Krisendienst Berlin-Nord,
Ärztin und Supervisorin
Marion Bohn, Leiterin Krisendienst Berlin-Nord, Ärztin und Supervisorin
Sind Ärzte stärker als andere gefährdet, an Burn-out zu erkranken?
Bohn: Diesen Trend gibt es in allen Gesundheitsberufen. Burnout, Depression, Suchterkrankungen und Suizid treten in dieser Gruppe überdurchschnittlich häufig auf. Das idealisierte Selbstbild lässt Hilfe oft nicht zu. Für mich ist Burn-out allerdings ein klares Zeichen dafür, dass das ganze System nicht funktioniert. Der Einzelne ist für sich verantwortlich. Aber der Arbeitgeber hat auch eine Fürsorgepflicht. Auf dem Papier wird betriebliches Gesundheitsmanagement zwar oft groß geschrieben. Am Arbeitsplatz herrscht jedoch nicht selten ein Klima, das die Überlastung bagatellisiert oder sogar heroisiert. Der Umgang unter Kollegen spielt hier eine zentrale Rolle.

Wie können Kollegen Betroffenen helfen?
Bohn: Indem sie ein ruhiges und offenes Gespräch mit der betroffenen Person suchen. Vertraulichkeit ist dabei oberstes Gebot. Es ist wichtig, Interesse an der Zusammenarbeit zu bekunden und die geleistete Arbeit wertzuschätzen. Aber auch, die wahrgenommene Veränderung klar zu benennen und mögliche Risiken aufzuzeigen. Oft wirkt es entlastend, die eigenen Belastbarkeitsgrenzen anzusprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Was sollten Kollegen vermeiden?
Bohn: Der betroffenen Person das Gefühl zu vermitteln, überflüssig zu sein. Sätze wie: „Wir schaffen das schon ohne dich“, wirken nur verstärkend. Es hilft auch nicht, Fehler zu vertuschen oder Symptome zu verharmlosen. Das rächt sich meist.
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