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praxisnah – 15.10.2010

Schnäppchenkunde

Zur Rettung unseres Gesundheitswesens wurde nun wieder ein Vorschlag gemacht, der eigentlich so alt ist wie das Millionendefizit der gesetzlichen Krankenkassen: Ärzte sollen Quittungen ausstellen, aus denen Art und Umfang ihrer Leistungen hervorgehen. Dies soll nicht nur zur Kontrolle des Arztes durch den Patienten dienen, sondern auch zu einem neuen Bewusstsein unserer Schutzbefohlenen führen.

Der Gedanke erscheint so griffig wie ein ergonomisch optimiertes Skalpell, das tief in den Sumpf medizinischer Verschwendung und ärztlichem Betrug hinein schneidet. Und wer könnte dafür besser prädestiniert sein, diese scharfe Klinge zu führen als die Leistungsempfänger?

Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben schließlich bei der Aldisierung der Medizin versagt, unsere Patienten werden aber, gestählt durch jahrzehntelange Schnäppchenkunde in Supermärkten, Reisebüros und Autohäusern, endlich von ihrem Medicus noch viel mehr Leistungen zu immer günstigeren Konditionen einfordern und damit Millionen zurück in die leeren Krankenkassen spülen.
Soweit der Plan.

Dies mag einleuchtend wie ein OP-Flutlicht sein; von schräg unten betrachtet, mutet er ebenso schräg an. Schließlich sind unsere gesetzlich Krankenversicherten, gelobt sei das fünfte Sozialgesetzbuch, geprägt nicht vom Discount, sondern von der Erfahrung, dass die Gesundheit das teuerste Gut ist und demzufolge von der Krankenversicherung bezahlt werden muss.

Genau hier liegt der Stein in der Gallenblase, Pardon, der Hase im Pfeffer: Für die Gesundheit ist das Beste gerade gut genug, da kann man sich auf gar keinen Fall mit Sonderangeboten abgeben. Wer gibt sich schon mit einer klinischen Diagnose zufrieden, wenn es auch eine MRT-Untersuchung tut?

Wie viel zählt eine Blickdiagnose, wenn unzählige Laboruntersuchungen zur Verfügung stehen? Hand auf den linken Ventrikel: Können Sie sich einen Patienten vorstellen, der Verzicht übt, wenn er eindrucksvolle Quittungen präsentiert bekommt, und sich medizinischen Notwendigkeiten versagt, um zum Wohl seiner Versicherung die Preisspirale nach unten zu drücken?

Nein, die Ernennung des Patienten zum Blockwart der Krankenkassenkosten kann nicht funktionieren. Und Gesundheit gibt es nicht zu Supermarktpreisen. Ich für meinen Teil gehe nicht davon aus, dass in Praxen und Krankenhäusern demnächst Reklame gemacht wird: „Drei Appendektomien für den Preis von zwei!“ oder „Diese Woche: Frisch eingetroffene Ballonkatheter! Brandneue dreier Größen für die gesamte Familie!“ oder „Happy hour – Hausbesuche zwischen 22 und 23 Uhr für nur einen Euro!“ Obwohl – so weit weg davon sind wir gar nicht.


Leserkommentare

grosserosser am Dienstag, 19. Oktober 2010, 07:58
@orbita
was steht denn auf der Rechnung drauf? bei Kassenpat. wohlgemerkt? x € mal Faktor n (ist unklar, ) = Euro, die ich in 4 -6 Monaten evtl. kriege?
Und die Zahl derer, Ärzte die aktiv Tote noch abrechnen, bewegt sich sicher in dem Graubereich schwarzer Schafe, die es in allen Branchen gibt - egal ob Bäcker, metzger, Döbnerbrater, Baufirmen...
promisit am Montag, 18. Oktober 2010, 08:23
Gab es schon immer
Das, was wir jetzt beschreien, gab es schon immer. Auch im alten Rom, in den Kaiserreichen, im dritten Reich und in der "Demokratie". Einzelne Bevorteilte holten sich teure Leistungen, die sie häufig nicht benötigt hätten auf Kosten derer, die sie dringend gebrauchen könnten, ab nicht erhalten. Ich als Old Man kann mich gut daran erinnern, dass ich in meiner Kindheit alle 3 Monate meinen Schein von der Krankenkasse zum Hausarzt bringen musste. Was hat der nur damit gemacht ? Krank war ich sehr selten dank der guten Pflege, Ernährung und Erziehung meiner fürsorglichen Mutter.
Orbita am Samstag, 16. Oktober 2010, 12:28
Interpretationssache
Es ist ein leidiges Thema und ebenso leidig ist die Diskussion darum.
Mit der Forderung, Quittungen auszustellen ist sicherlich keine Discounter-Mentalität gemeint. Denn wenn der Patient die Quittung bekommt, ist es immerhin für einen Preisvergleich einer ZU ERBRINGENDEN Leistung etwas zu spät. Somit ist dieser Blog in sich unlogisch!

Sinn macht es schon, dem Leistungsempfänger eine Quittung/Rechnung zu erstellen. Das auserkorene Ziel ist hier schließlich, das Verrechnen nicht erbrachter Leistungen zu unterbinden. Und das kann dem Gesundheitswesen Milliarden sparen.

Schuld an dieser Vorderung sind die Akademiker immerhin selbst: Sorgen sie doch immer wieder für Schlagzeilen wie "Arzt rechnet nicht erbrachte Leistung ab" oder "Arzt rechnet Leistunge für schon vor Jahren Verstorbene ab".

Das Prinzip, daß primär der Leistungsempfänger die Rechnung bekommt, für die Richtigkeit unterzeichnet und diese dann an seine Krankenkasse weiterleitet ist äußerst praktikabel und nicht mehr als logisch.

Und das hat bei weitem NICHTS mit einer "Happy Hour" oder "Bundle-Angebot" zu tun.

Überfällig ist die Umsetzung dieser Forderung schon längstens. Denn diese Praxis unterstreicht auch die Eigenverantwortlichkeit des Leistungsempfängers. Dies schlägt sich auch in Kommentaren wieder, wie "Ach, Herr Doktor, fehlen tut mir eigentlich nichts. Aber ich habe mich wieder einmal hervorragend in Ihrem Wartezimmer unterhalten können".
Durch fehlende/mangelhafte Familienanbindung nutzt teilweise die ältere Generation eben den Arztbesuch als Kommunikationsplattform. Und das zu hohen Preisen...

Es ist also weniger das Anpreisen von Supermarktleistungen, sondern eher das limitieren der "Selbstbedienungsmentalität" der Akademiker.

Bei mir erhält der Leistungsempfänger schon immer zumindest ein Duplikat der Rechnung, sowie auch der Niederschrift der gewonnenen Erkenntnisse der Konsultation / erbrachten Leistungen.
Und das "kommt beim Kunden sehr gut an..."

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