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Unterwegs – 19.09.2011

Japans Pflegekonzept: Ein kühler Kopf

Japaner werden alt und zeugen wenige Kinder. Willkommen im Club, könnte man mit einem Blick auf die deutsche Bevölkerung sagen. Doch die Lage in dem westpazifischen, jüngst sehr krisengebeutelten Staat stellt sich noch ein wenig drastischer dar als die hierzulande: In Deutschland sind 21 Prozent unserer Bevölkerung 65 Jahre und älter, in Japan 23 Prozent. Jünger als 14 Jahre sind bei uns 14 Prozent, in Japan lediglich 13 Prozent. In Japan leben allerdings 127 Millionen Menschen und nicht nur rund 81 Millionen, demnach gibt es also mehr ältere Mitbürger als bei uns.

Da Japan das Land mit der höchsten Lebenserwartung weltweit ist – die Menschen dort werden im Schnitt weit über 80 Jahre alt (Frauen 86, Männer 80) – jedoch ebenso wie in Deutschland wenige Kinder zur Welt kommen, sieht sich Japan mit einem Riesenproblem konfrontiert: der Pflegebedarf steigt- das heißt auch der Bedarf an Fachkräften, die sich um diese vielen alten Menschen in Zukunft angemessen kümmern.

Japan hat erst im Jahr 2000 eine Pflegeversicherung eingeführt – nach deutschem Muster – allerdings ist diese massiv unterfinanziert. „Wir leisten mittlere Wohlfahrt, verlangen aber viel zu niedrige Beträge“, umschrieb es jüngst  Miyajima Toshihiko, Generalsekretär im japanischen Gesundheitsministerium, am Rande eines Pflegesymposiums in Berlin.

Zu der Unterfinanzierung der Pflegeversicherung kommt ein massiver Mangel an Fachkräften. 1,3 Millionen Menschen arbeiten derzeit in der Pflege in Japan – bis 2025 werden aber aufgrund der demografischen Entwicklung doppelt so viele benötigt. Pflegekräfte wollen zudem adäquat bezahlt werden. Auch das ist derzeit nicht der Fall. Pro Monat verdient eine Pflegefachkraft in Japan gerade einmal knappe 100 Euro. Nicht zuletzt fehlt es an altersgerechten Pflegeheimen, Pflegezentren und altersgerechten Wohnungen.

Probleme über Probleme, könnte man sich nun denken. Wie wollen die Japaner dieser Lage bloß in so kurzer Zeit Herr werden? Unterfinanzierung, Fachkräftemangel, Mangel an Einrichtungen, das gepaart mit einem rasanten Alterungsprozess?

Nun, Fukushima hat jüngst erst gezeigt, wie ruhig diese Nation auch dann bleibt, wenn Schlimmstes über sie hereingebrochen ist. Business as usual, lautet die kühle Devise des fleißigen Volkes, dazu nachdenken, durchatmen und Schritt für Schritt die to-do-Liste abarbeiten.  

Stichwort Unterfinanzierung: bis 2025, so Miyajima vom japanischen Gesundheitsministerium, wird sich der Betrag, den jeder Japaner in die Pflegekasse einzuzahlen hat, um 50 Prozent erhöhen. Punkt. 

Stichwort Fachkräftemangel: Die Anreize für Pflegekräfte sollen durch 30 Prozent mehr Gehalt erhöht werden, hinzu setzt Japan auf das Prinzip der Ehrenamtlichkeit und der Nachbarschaftspflege. Als Anreiz für die Ehrenamtlichkeit steht eine Reduktion des Versicherungsbeitrags.

Darüber hinaus wollen die Japaner verstärkt die Technik einsetzen. So sollen beispielsweise Pflegebedürftige per Videokonferenz in ihrem häuslichen Umfeld beraten werden, so dass sich erst einmal kein Pfleger auf den Weg machen muss. 

Stichwort Mangel an Pflegeeinrichtungen: je länger jemand zu Hause bleiben kann, desto geringer der Bedarf an Pflegeheimen, so die Devise. Also 24-Stunden-Angebote erweitern, Nachbarschaftshilfe initiieren, kommunale Pflegezentren als zentrale Anlaufstellen ausbauen und Pflegenetzwerke innerhalb von Regionen schaffen.

So einfach ist das.      


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