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Dr. McCoy – 19.02.2014

42 Prozent Notfälle – und wo bleibt der Datensatz?

42% aller vollstationären Krankenhausaufnahmen, kamen im Jahr 2012 als Notfall in die Kliniken. Das sind 7,5 Millionen Patienten. Häufigster Behandlungsgrund waren Krankheiten des Kreislaufsystems. Soweit eine kurze Meldung des Statistischen Bundesamtes aus dieser Woche.

7,5 Millionen mal haben sich 2012 also Ärztinnen und Ärzte in Krankenhäusern mit Patienten befasst, die sie bis zum Zeitpunkt der Behandlung meist nicht kannten. Waren in einer akuten Behand­lungssituation also darauf angewiesen Vitalfunktionen zu stabilisieren, unter Zeitdruck Anamnesen
zu machen, Diagnostik durchzuführen, zu veranlassen und zu bewerten sowie – oft zunächst nur vorläufige – Therapien einzuleiten.

Dabei konfrontiert mit Patienten, die zu einem hohen Prozentsatz nur unzureichende anamnestische Angaben zur medizinischen Vorgeschichte, zu ihren Beschwerden oder auch nur zu Medikamenten, vielleicht auch Allergien oder anderen wichtigen Fragen machen konnten. Wenn überhaupt. Weiterhin konfrontiert mit der Tatsache, dass sehr viele Patienten zu einem hohen Prozentsatz aus einem ungeordneten, teilweise verheerenden sozialen Umfeld kommen und daher nicht in der Lage sind, hilfreiche schriftliche Informationen – und seien sie noch so rudimentär – vorzulegen.

In einer solchen Behandlungssituation sind Vorinformationen für die Kolleginnen und Kollegen – und letztendlich für den Patienten – oft mehr als wünschenswert, wenn nicht gar notwendig! Die Beschaffung der Informationen aber ist zeitraubend, nicht selten frustran und bindet ärztliche, pflegerische und auch administrative Ressourcen.

Warum also, ist die Ärzteschaft nicht endlich in ihrer Mehrheit in der Lage, sich für ein besseres System der Informationssammlung von patientenbezogenen Daten stark zu machen und dessen Entstehung aktiv voranzutreiben?! Eine Sammlung von Daten, die in Form von Notfalldatensätzen und übergreifenden elektronischen Patientenakten dann zur Verfügung steht, wenn sie gebraucht wird?!

Datenschutz? Okay – natürlich muss der bestmöglich gesichert sein! Selbstbestimmung und Freiwilligkeit der Patienten? Selbstverständlich – wer eine Sammlung als Patient nicht möchte, für den wird auch keine angelegt!

Aber der Berufsstand der Ärztinnen und Ärzte trägt maßgebliche inhaltliche Verantwortung für ein Gesundheitswesen das so ist, wie es heute ist. Für eine hochkomplexe Medizin mit inzwischen rund 50 Fachgebieten und Subspezialisierungen, mit ihren verschiedensten Einrichtungen der ambulanten und stationären Diagnostik und Therapie, mit Behandlungsverläufen bei denen Patienten – z.B. mit Tumorerkrankungen – in schneller Folge (und nicht immer geplant!) hin und her wechseln zwischen Hausarzt und Spezialambulanz, zwischen Universitätsklinik und Reha-Einrichtung, zwischen MVZ und Haus der Regelversorgung.

„WIR kennen unsere Patienten, wir brauchen keine elektronische Gesundheitskarte“, hieß es sinngemäß in einem schroffen, ablehnenden Redebeitrag eines hausärztlichen Kollegen auf einem Deutschen Ärztetag vor einigen Jahren. „WIR, lieber Herr Kollege“, möchte man da als Krankenhausarzt gern entgegen. „wir kennen Ihre Patienten oft leider gar nicht! Aber wir müssen und wollen sie trotzdem behandeln. Und zwar so gut wie irgend möglich!“

Und genau deshalb würde ich mir wünschen, dass die ausschließlich destruktive und blockierende Haltung von (letztlich wahrscheinlich kleinen) Teilen der Ärzteschaft gegenüber einem sinnvollen Telematikprojekt für das Gesundheitswesen endlich einmal ihr Ende findet. Und dass stattdessen von diesen Kolleginnen und Kollegen endlich einmal konstruktive und fundierte Vorschläge für die Lösung all der Informationsprobleme in unserem Gesundheitswesen vorgelegt werden.

Denn wir als Ärztinnen und Ärzte tragen nicht nur maßgebliche inhaltliche Verantwortung für unser komplexes Gesundheitswesen. Wir tragen auch Verantwortung dafür, dass die vielen Informationen, die wir in diesem komplexen System täglich erzeugen, geordnet, möglichst vollständig und immer dann zur Verfügung stehen, wenn sie für den Patienten gebraucht werden.

Denn diese Aufgabe können wir nicht länger allein unseren Patienten abverlangen. Oft sind sie dazu schlichtweg nicht in der Lage. Was nicht ihre Schuld ist! Denn oft es ist einfach zu viel.

***

Zum Thema passt übrigens der nun schon fast sieben Jahre alte Seufzer einer Kollegin aus New York im New England Journal of Medicine: Litvin CB. In the Dark – The Case for Electronic Health Records. NEJM 2007; 356: 2454–5.


Leserkommentare

GolfVadda am Donnerstag, 20. Februar 2014, 13:01
In Düren gibt es schon eine Notfallakte
Im Kreis Düren haben wir zum Jahresbeginn eine Notfall-Akte genau mit dieser Zielsetzung für akute Krankenhausaufnahme und für kritische Patienten im Vertretungsfall geschaffen und gestartet.
240 Ärzte werden jetzt in die Handhabung eingewiesen, zwei örtliche Krankenhäuser können schon auf die Akte zugreifen, weitere stehen in den Startlöchern.

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