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Sea Watch 2 – 30.10.2016

Noch ein Schlauchboot

Donnerstag, 27.10.2016

Noch ein Schlauchboot
Im Licht der aufgehenden Sonne wirkt alles um uns herum so ruhig, so friedlich, idyllisch. Seevögel fliegen auf der Jagd nach Fischen dicht über der Wasseroberfläche hinweg, schießen plötzlich ins Wasser herab und tauchen wenig später mit einem dicken Fang im Schnabel wieder auf. Vor unserem Bug, nicht weit entfernt, taucht der Rücken eines großen Fisches auf und verschwindet im selben Augenblick wieder. Wieder ein Delfin? Oder ein Thunfisch? Die Wasseroberfläche weitet sich in einer glatten Ebene rings um uns her bis an den Horizont, im Osten blinkend, glitzernd unter dem Schein der aufgehenden Sonne. Es ist nur schwer vorstellbar, dass dies ein Ort ist, an dem so viel Leid geschieht, an dem so viele Menschen sterben.

Ich sitze schon seit 3 Uhr in der Nacht hier, da ich zur Wache auf der Brücke eingeteilt bin, wieder mit Friedrich. Wir erwarten, dass heute noch einmal Boote unterwegs sein werden, denn die Bedingungen sind optimal. Die See ist extrem ruhig, die Sicht ist gut, der Wind kommt von Süden, erleichtert es somit den Booten, vom Ufer aufs offene Meer zu gelangen. Außerdem wird das Wetter wechseln. Ab morgen wird es so windig sein und die Wellen dann so zunehmen, dass dann erst einmal für einige Tage keine Boote werden ablegen können.

Angespannt blicken wir auf den Radarbildschirm, um keine verdächtige Bewegung zu übersehen, um kein Signal eines Flüchtlingsboots zu verpassen. Wir gehen nach draußen, auf das Brückendeck, blicken am Horizont entlang, mit bloßem Auge und mit dem Fernglas auf der Suche nach Lichtern. Doch nichts. Auf dem Radar erkennen wir kein verdächtiges Zeichen, weder mit bloßem Auge noch mit dem Fernglas erblicken wir ein Licht oder die Kontur eines Bootes.

Wir liegen weiter im Osten als bisher, am Rand der 24 Seemeilen-Linie im Norden von Tripolis.MRCC hat uns gestern gebeten in dieser Gegend zu bleiben, denn wir sind hier das einzige Rettungsschiff in einem größeren Umkreis.

Wir verfolgen den Funkverkehr und können ein Gespräch zwischen der ‚Iuventa’ und der ‚Sea-Eye’ mithören, die mehrere Seemeilen westlich von uns auf der Suche nach einem Boot sind. MRCC hatte einen Notruf von einem Schlauchboot erhalten und die beiden Schiffe mit der Suche beauftragt. So läuft das häufig ab. Von den Schleusern bekommt einer der Flüchtenden auf dem Boot ein Turaya-Satellitentelefon und wird instruiert hierüber hinter der 12-Meilenzone MRCC anzurufen und um Hilfe zu bitten. Auf dem Display des Telefons werden die GPS-Koordinaten angezeigt, so dass der Anrufer seine genaue Position mitteilen kann. Bei der Rettung sind diese Telefone nie auffindbar. Vermutlich werden sie vor der Rettung ins Meer geworfen, da diejenigen, die es bei sich tragen, befürchten, als Schleuser angesehen zu werden.

Ähnlich ist es mit der Bedienung des Bootsmotors. Wenn wir auf ein Boot treffen, ist der Motor meist ausgeschaltet, niemand bedient die Maschine. Fordern wir die Insassen auf, den Motor erneut zu starten, um näher an unser Schiff heran zu fahren, gelingt es nie jemanden hierzu motivieren. Sicher befürchten die Insassen, dies sei ein Trick herauszubekommen wer auf dem Boot der Schleuser ist oder mit diesen zusammenarbeitet.

Die ‚Iuventa’ und die ‚Sea-Eye’ fahren auf einer Linie 15 Seemeilen vor der Küste Libyens im internationalen Gewässer. Die ‚Sea-Eye’ hat eine Wärmebildkamera, mit der sie versucht das Boot zu entdecken, die Crew der ‚Iuventa’ blickt mit Nachtsichtgeräten in die Dunkelheit hinein. Für lange Zeit ist das Funksignal unterbrochen, danach erfahren wir, dass offensichtlich ein Boot gefunden wurde, denn die ‚Iuventa’ nimmt dieses gerade an ihre Seite, um die Menschen auf ihr Schiff zu übernehmen.

Bei uns weiterhin keine verdächtigen Bewegungen.
Erst Stunden später am Morgen meldet auch uns MRCC, dass es einen Notruf von einem Boot erhalten habe, das sich nur wenige Seemeilen westlich von uns befinde. Zwei Stunden später sind wir vor Ort und finden dort das Schlauchboot schnell. Es ist mäßig gefüllt mit geschätzt 120 oder 130 Menschen an Bord. Es ist ausreichend Platz, dass jeder im Innern einen Platz findet, niemand muss auf dem Schlauch sitzen und ein Bein nach außen Baumeln lassen.   

Wir nähern uns mit dem RIB routiniert und erklären den Insassen unser Vorgehen. Die Stimmung im Boot ist außergewöhnlich gut. Die Menschen jubeln uns zu, sie klatschen und sie lachen. Sie sind so erleichtert, dass wir sie gefunden haben. Wir verteilen die Schwimmwesten, dann holen wir die beiden Kinder, die auf dem Boot sind, auf unser RIB und bringen sie an Bord der Sea-Watch, um sie beim Transfer der übrigen Personen nicht zu gefährden.

Wir geben den Kindern, einem fünfjährigen Jungen und seiner zweijährigen Schwester, zu trinken und gierig leeren sie ihre Flaschen. Sie sprechen nicht, sie weinen nicht, sie schauen uns nur geduldig an.

Dann nähern wir uns dem Boot mit unserem Schiff und mit dem RIB schieben wir es an unsere Steuerbordseite heran. Wieder jubeln die Menschen und klatschen, sie lachen und zeigen ihre ausgelassene Freude über ihre Rettung. Nacheinander nehmen wir alle an Bord, 137 Menschen, darunter viele Frauen, zwei Kinder.

Fast alle sind jung, zwischen 20 und 30 Jahre alt und die meisten kommen aus Westafrika, aus Togo, Benin, Gambia, Ghana, Mali und aus Nigeria. Die meisten sind gesund, kräftig. Es ist ein Drama für diese Länder, dass gerade diese Menschen es sind, die fliehen, die sich ein Auskommen im Ausland suchen, in Europa. Denn sie sind es, auf die sich ein Aufschwung in diesen Ländern stützen muß, sie müßten mit ihrer Energie und Tatkraft, Aufgewecktheit und Intelligenz ihre Länder voranbringen.

Uns bedrückt es, wenn wir darüber nachdenken wie es für diese Menschen in den kommenden Wochen und Monaten sein wird, wenn ihre Aussicht auf das erhoffte neue  Leben in Europa auf die Realität in Flüchtlingslagern und -heimen, in Notunterkünften Durchgangslagern treffen wird.

Niemand hat ernsthafte medizinische Probleme. Wieder klagen einige über Kopf­schmerzen und Übelkeit und so verteilen wir Paracetamol- und Vomex-Tabletten. Wir versorgen kleinere Hautwunden. Eine junge Frau bricht vor uns zusammen, gleich nachdem wir sie zu uns an Bord genommen haben. Sie atmet unruhig, sie zittert. Wir helfen ihr auf die Liege in unserer Krankenstation. Sie heißt Joy und sie kommt aus Nigeria. Sie hat Angst und sie ist erschöpft. Wir beruhigen sie, erklären ihr, dass sie bei uns in Sicherheit ist und sie sich nicht zu fürchten braucht. Bald schläft sie ein.

Wie fast alle anderen, die wir an Bord genommen haben, ist auch sie barfuß, ihre Kleidung ist zerschlissen, hat Risse und ist durchnäßt. Sie hat nichts bei sich. Kein Gepäck, keine persönlichen Gegenstände, keine Dokumente. Sie ist allein. Auf ihrer Haut, im Gesicht, am Hals, an den Armen und Beinen klebt Sand. Oft müssen sich die Flüchtlinge in Libyen am Strand verstecken, bevor sie in die Boote steigen können. Manche legen sich flach auf den Sand, andere graben sich sogar ein. Die Angst, die sie in diese Momenten treibt, muss unerträglich sein.

Anisa kommt aus Togo. Auf einmal sitzt sie ebenfalls bei uns in der Krankenstation. Sie gibt Joy zu trinken, beruhigt sie, redet ihr gut zu. Sie spricht Englisch und Französisch und bietet uns an zu übersetzen. Unaufgefordert hilft sie uns, an die Menschen, die vom Boot steigen, Wasser zu verteilen, sie hilft weiteren Patienten auf dem Weg zur Krankenstation, zeigt uns die kleinen Hautwunden, übersetzt die Klagen der Patienten und übersetzt unsere Empfehlungen.

Wir haben getrennte Bereiche auf dem Schiff vorgesehen für die Frauen und Kinder und für die Männer. Ich begleite die Männer aufs Brückendeck. Die meisten von ihnen kennen sich erst seit wenigen Stunden, einige kennen sich vielleicht seit Tagen. Jetzt tanzen sie ausgelassen gemeinsam auf dem Brückendeck, sie jubeln, sie singen, sie umarmen sich. Es rührt mich, ihre Freunde zu sehen. Sie danken uns. Das beschämt mich.

Sie kommen aus verschiedenen Ländern, sie sprechen verschiedene Sprachen und doch bilden sie eine Gemeinschaft. Sie gehen rücksichtsvoll miteinander um, sorgen sich umeinander.

Die Frauen haben ihren Bereich auf dem Oberdeck hinter dem Schornstein, dort ist der am besten geschützte Außenbereich auf dem Schiff und sie können ein wenig Ruhe finden. Die beiden Kinder liegen jetzt such dort auf dem Boden, schlafen. Der größere Junge heißt Emmanuel, seine kleine Schwester heißt Eibuko. Abiola, die Mutter, ist mit ihren beiden Kindern allein aus Nigeria bis hierher geflohen. Ich frage sie wie lange sie unterwegs gewesen ist. Sie weiß es nicht, ist viel zu erschöpft einen Gedanken zu fassen.

Wir wissen, dass am Abend das Wetter wechseln wird. Stärkerer Wind zieht auf, die See wird rau. Wir können die Menschen unter diesen Bedingungen unmöglich sicher bei uns auf dem Boot behalten, daher sind wir erleichtert als wir später am Nachmittag auf das italienische Versorgungsschiff Asso Venticinque treffen und alle Menschen mit unseren RIBs transferieren können.

Danach werden wir gebeten, das Versorgungsschiff zur ‚Iuventa’ zu begleiten, die nun auch bei uns in der Nähe ist, und beim Transfer von den 270 Menschen, die die ‚Iuventa’ im Lauf des Tages aufgenommen hat, zu helfen. Bei zunehmendem Wellengang und Wind ist der Transport anstrengend, nicht ungefährlich und beschäftigt uns bis nach Mitternacht. Schließlich konnten alle Flüchtlinge, darunter wieder viele Frauen und Kinder, sicher an die ‚Asso Venticinque’ übergeben werden.


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