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Pflegers Schach med. – 20.12.2016

Läufer, Springer und andere Bestien

„Ich wollte lieber das Geheul der Totenglocke, lieber das Gebell des knurrigen Hofhunds hören als von Läufern, Springern und anderen Bestien das ewige ‚Schach dem König’“ (Götz von Berlichingen). Goethe stand trotz seiner berühmten Sentenz „Das Schach­spiel ist ein Probierstein des Gehirns“ diesem zeitlebens ambivalent gegenüber, obwohl seine Mutter ein „groß gaudium am Schachspiel“ hatte, seinem Weimarer Dichterfreund Friedrich Schiller es noch auf dem Sterbebett ein großer Trost war und er selbst es seinen Sohn August gelehrt hatte.

Vielleicht hatte er ja recht! Gerade Läufer und Springer können einen ganz schön durch­einanderbringen. Bei der Versteigerung eines wertvollen Schachspiels in Bonn für einen guten Zweck war der damalige Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff vor allem von seiner „Lieblingsfigur“, dem Läufer, angetan, weil dieser auch so geradeheraus wie er sei. Nun, manchmal war der wegen Steuerhinterziehung verurteilte Graf vielleicht doch nicht so geradeheraus, und auch der Läufer geht im Gegensatz zum gradlinigen Turm stets schräge Wege. 

Überhaupt ist der Läufer ein seltsam schillerndes Wesen! In den Anfängen des Schachs in Indien und Persien war er ein „Elefant“, was sich im Russischen („slon“) heute noch erhalten hat. Im Französischen („fou“) und im Rumänischen („nebun“) heißt er freilich „Narr“, im Englischen („bishop“) hingegen „Bischof“. Welch Diskrepanz, die vermutlich auf den häufigen Schlitz im Kopfteil zurückzuführen ist, was sowohl an eine Narren­kappe als auch an eine Bischofsmitra erinnern kann.   

Heutzutage wird insbesondere einem Läuferpaar, welches seine Wirkung über das ganze Brett hinweg entfalten kann, große Bedeutung beigemessen. Bei David Janowski bekamen seine beiden Läufer gar den Spitznamen „Die zwei Jans“, weil er sie gerne und kunstvoll für einen Mattangriff opferte.

Unzweifelhaft haben auch die Springer, die im 19. Jahrhundert vereint als stärker als ein Läuferpaar angesehen wurden, ihre Meriten, insbesondere in „verschachtelten“ Stellun­gen, schließlich ist der Springer die einzige Figur, die über Freund und Feind hinweg­springen und mit ihrer merkwürdigen Sprungweise für Verwirrung sorgen kann. In Partien wie zwischen Kavalek und Portisch oder Leko und Kramnik konnte es ein Springer allein sogar mit einer Dame, der mächtigsten Figur, aufnehmen oder, wie in der berühmten 16. Partie des WM-Kampfs Karpow–Kasparow 1985, tief im weißen Lager auf d3 wie eine Krake das ganze weiße Heer lähmen.

Doch oft kommt der Springer mit seinem kurzschrittigen Hoppeln nicht weit und kann gelegentlich feindlichen Freibauern gegenüber sogar tragikomisch hilflos sein. Schluss­endlich können zwei Springer den gegnerischen König nicht mattsetzen, während dies einem Läuferpaar mit Leichtigkeit gelingt.

Nun sind Sie vielleicht gewappnet für das Manöver von Dr. Peter Weber vom letzten Ärzteschachturnier in Bad Neuenahr (das nächste findet übrigens vom 30. März–2. April in Bad Homburg statt), mit dem er der schwarzen, vielleicht allzu mutigen Kavallerie, die sich in seinen Reihen breitgemacht hatte, listig zu Leibe rückte. Noch hat auch der vor­witzigere der beiden Rappen bei einem „unfreundlichen“ Angriff  des schwarzfeldrigen Läufers ein Rückzugsfeld, aber ...

Diagramm

(wKh1, Ta1, Te1, Lc1, Ld3, Ba3, c2, c4, e5, f4, g2, h2;

sKg8, Td8, Tf8, Sc3, Sd4, Ba7, b7, c7, f7, g7, h7)

Mit welchem feinen Zug bestrafte Dr. Weber als Weißer die schwarze Springerinvasion und eroberte einen davon?

Lösung zeigen

Nach dem stillen Zug 1.a4! fehlte dem Springer c3 das Fluchtfeld a4, sodass 2.Lb2 ihn einfach abzupflücken drohte. Schwarz versuchte noch 1...Sce2, stand aber nach 2.Txe2 Sxe2 3.Lxe2 mit Turm gegen Läuferpaar und einen Bauern auf verlorenem Posten.

Übrigens hätte auch 1...Sb3!? wegen 2.Ta3! Sxc1 3.Txc1 nicht geholfen – der Springer c3 zappelt in der Falle: 3...Txd3 4.cxd3 Se2 5.Tf1 ist auch hoffnungslos.


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