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Bamberger Schachgeschichte(n)

Mittwoch, 10. Januar 2018
Bamberger Schachgeschichte(n)

Bekanntlich fand das Deutsche Ärzteschachturnier in den bisherigen 25 Jahren immer in einem Kurbad mit Casino statt. Doch 2006 schlug der Neurologieprofessor Dr. Peter Krauseneck aus Bamberg diese zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Erzbischofsstadt als bedenkenswerte Alternative für das Turnier vor. Da ich meinerseits in frühen Jahren gar nicht wusste, dass es auch außerhalb Bambergs eine Welt gebe, übernahmen meine Schwester und ich die vergnügliche Aufgabe, dem damaligen stellvertretenden Chefredakteur des Deutschen Ärzteblattes die Schönheit unserer mittelalterlichen, im Krieg kaum zerstörten Heimatstadt (ganz anders als die nahen Nürnberg und Würz­burg) nahezubringen, zumal wir schon gemeinsam einen Dokumentarfilm über den Bamberger Dom fürs Bayerische Fernsehen gemacht hatten. Mit Erfolg – denn Bamberg wusste zu begeistern.

Allein der mögliche Spielsaal war zu klein für die große Zahl der schachspielenden  Ärzte und das Hotel zu teuer. Kurbad und Casino erhielten folglich weiterhin den Vorzug. Wahrlich auch nicht schlecht.

Allerdings beging ich die Unvorsichtigkeit, in der Dezemberspalte 2006 des Deutschen Ärzteblattes kein gutes Haar an Bamberg zu lassen, was dann sogar dessen Oberbürger­meister und Landrat gegen den vermeintlichen „Nestbeschmutzer“ aufbrachte. Die maßlose Ironie in Sottisen wie „Ich habe nie unaufgeklärtere Leute gefunden als hier ... hier ist noch eine dicke Finsternis, durch welche die Morgendämmerung des Ver­stan­des und der Aufklärung noch in einem halben Jahrhundert nicht wird durchdrin­gen können“ (Philip Ludwig Röder, 1789) wurde leider nicht als solche erkannt.

Gott sei Dank geht es mir meist ganz anders, wurde ich sogar schon gefragt, ob es bei mir denn keine andere Stadt mit Bamberg aufnehmen könne. Ich muss gestehen: So ist es!

Entsprechend will ich heute denn davon künden, dass im kommenden Jahr 2018 der Schachklub Bamberg von 1868 sein 150-jähriges Bestehen feiert. Der einzige deutsche Weltmeister Emanuel Lasker (1894–1921) ist übrigens auch 1868 geboren – sodass die Feierlichkeiten mit vielen „schachlichen“ Veranstaltungen (Turniere wie Bamberg-Open, Jugend-Open, Deutsch-Jüdisches Blitzturnier, Deutsche Einzelblitzmeisterschaft der Damen und Herren, Vergleichskampf gegen die Emanuel-Lasker-Gesellschaft, Simultanspiele, Theater- und Musikaufführungen, ein Kunstwettbewerb, acht (!) Schachfilme, Gründungsfeier, Festabend et cetera) übers ganze Jahr hinweg vonstatten gehen. Natürlich sind Sie herzlich eingeladen. Vielleicht wollen Sie ja ein schachliches Sabbatjahr in Bamberg verbringen?!

Die Hauptlast trägt und trug hierbei obiger Peter Krauseneck als 1. Vorstand, der den einst ruhmreichen Schachklub, immerhin dreimaliger Deutscher Mannschaftsmeister, in nahezu moribundem Zustand übernahm und wieder zu blühendem Leben mit mehr als 150 Mitgliedern erweckte – unterstützt von einigen tatkräftigen, nicht zuletzt weibli­chen Mitstreitern.         

Wie nahezu alle Teilnehmer an der jährlichen Ärzteschachmeisterschaft – teilweise vielleicht aus leidvoller Erfahrung – wissen, kann Prof. Krauseneck indes nicht nur gut organisieren, sondern auch ebenso Schach spielen. Letztens kam es nun zum Mann­schaftskampf gegen den Schachklub Würzburg. Diese führten mit vier zu drei Punkten, Peter Krauseneck musste die letzte laufende Partie unbedingt gewinnen, um noch Gleichstand zu erzielen.

Schließlich diese Stellung:

(wKb3, Ba3, f4, g3;

sKf6, Be6, f7, g7, h5)

Der Würzburger Thomas Vogt droht mit seinem „ent­fernten“ Freibauern a3 zu einer neuen Dame zu laufen, insofern musste sich Prof. Krauseneck als Schwarzer mit seiner Bauernmehrheit am Königsflügel sputen. Mit welchem Zug konnte er überzeugend gewinnen?

Lösung zeigen

Mit dem „Aufreißer“ 1...e5!

Weiß musste diesen Bauern schlagen, ansonsten liefe nach beispielsweise 2.a4 exf4 3.gxf4 h4 der h-Bauer mit Siebenmeilenstiefeln zu einer neuen Dame.

Nach 2.fxe5+ Kxe5 war indes der schwarze König im „Quadrat“ des weißen a-Bauern, das heißt, er kann diesen rechtzeitig vor seiner Umwandlung in eine neue Dame abfangen.

Weiß versuchte deshalb, mit 3.Kc3 g5 4.Kd3 h4 5.gxh4 gxh4 6.Ke3 den schwarzen h-Bauern zu stoppen, schließlich ist der weiße König nun auch in dessen Quadrat (6...h3 7.Kf3 h2 8.Kg2 und der h-Bauer wird „abgepflückt“).

Doch nun brachte sich unmissverständlich der nächste Fußsoldat ins Spiel: 6...f5! mit zwangsläufigem Gewinn. Der schwarze König holt sich seelenruhig den weißen a-Bauern ab, während der weiße König nur hilflos vor den schwarzen f- und h-Bauern hin- und herziehen kann, beispielsweise 7.Kf3 Kd5 8.Kf4 Kc4  9.Kf3 (9.Kxf5 scheitert an 9...h3 mit neuer schwarzer Dame) Kb3 10.Kg2 f4! (aber ja nicht 10...Kxa3 11.Kh3 Kb3 12.Kxh4 Kc4 13.Kg5 nebst 14.Kxf5 und remis) 11.Kh3 f3! und wiederum muss der weiße König mit 12.Kh2 ohnmächtig zurückweichen. Der schwarze König schnabuliert derweil den a-Bauern und kommt mit seinem König zur siegreichen Unterstützung seiner Bauern zurück.

Wie schrieb doch der große spanische König Alfons X. der Weise 1283: „Ein König muss erkennen, dass ihn auch ein kleiner Bauer überwinden kann!“