Vermischtes – 21.09.2016

So denkt die Allgemeinbevölkerung über Fettleibige

1. Platz der Wanderausstellung schwere(s)los: "Frei Fühlen" /Melina Hipler

Berlin – Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, Fast Food und Bequemlichkeit – diese Ursachen vermuten die meisten Bundesbürger als Ursache starken Übergewichts. Stoffwechselstörungen und genetische Faktoren spielen ihrer Ansicht nach keine Rolle. Das zeigt der „XXL-Report: Meinungen und Einschätzungen zu Übergewicht und Fettleibigkeit“, der im Auftrag der DAK-Gesundheit  im Juli und August 2016 durch­geführt wurde. Mit diesen Vorurteilen soll jetzt aufgeräumt werden. Zusammen mit der Johnson und Johnson Medical GmbH startet die Krankenkasse daher die bundes­weite Aufklärungskampagne „Schwere(s)los“ als Wanderausstellung.

Bewegungsmangel und viel Sitzen sind die Ursache von starkem Übergewicht. Das zumindest glaubt fast jeder zweite Bürger. Jeder Dritte ist der Meinung, Adipöse ernähren sich ungesund und essen zu viel Fast Food. Jeder Dritte glaubt auch, dass Fettleibige selbst schuld an den überflüssigen Pfunden sind. Genetisch bedingte Ursachen nannte keiner der Befragten (siehe Folie links). Dabei schätzen Experten wie Matthias Blüher, Präsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft und Hans Hauner vom Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin in München und Weihenstephan den genetischen Einfluss auf 70 Prozent.

„Mit einfachen Schuldzuweisungen Betroffenen gegenüber kommen wir nicht weiter, im Gegenteil“, sagte Claudia Luck-Sikorski. Die Professorin für Psychische Gesundheit und Psychotherapie an der Hochschule für Gesundheit in Gera unterstützt die aktuelle Untersuchung und unterstreicht: „Ausgrenzung und Stigmatisierung verschlimmern die Lage der Betroffenen. Sie können wie ein chronischer Stressor wirken, der krank macht.“

Fotoausstellung „schwere(s)los“ auf Tour

Die Wanderausstellung „schwere(s)los“ stellt die Krankheit Adipositas und Betroffene einmal ganz anders dar. Ob als schwerelos Schwimmende unter Wasser oder im eigenen Körper Gefangene, die nicht aus ihrer Haut können – die Ausstellung geht mit 26 beeindruckenden Fotografien auf Tour durch ganz Deutschland. Zahlreiche Studierende des Institute of Design in Hamburg, Berlin und Düsseldorf sind dem Aufruf der Initiatoren gefolgt und haben das schwierige Thema Adipositas kreativ umgesetzt. Unterstützt wird die Kampagne vom Bundesministerium für Gesundheit.

Diese Stigmata führen neben gesundheitlichen Folgen auch zu psychosozialer Beeinträchtigung und Ausgrenzung. 71 Prozent der Bevöl­kerung finden adipöse Menschen unäs­thetisch. Von den übergewichtigen Menschen sagten das hingegen „nur“ 38 Prozent.

Jeder Achte vermeidet bewusst Kontakt zu Betroffenen. Insgesamt wurden im Rahmen der Forsa-Umfrage 1.006 Bundesbürger ab 18 Jahren telefonisch befragt. Etwa 60 Prozent davon waren übergewichtig oder fettleibig.

Allgemeinbevölkerung nicht auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft
Ein große Gruppe bemüht sich entgegen der weitläufigen Meinung sehr wohl abzunehmen, so Luck-Sikorski. Laut dem XXL-Report macht jeder Fünfte aktuell eine Diät und 30 Prozent haben dies schon einmal versucht. Eine Diät sei aber ein fragliches Mittel und führe häufig nicht zum Erfolg. Im Gegenteil: Der Jojo-Effekt führt oft dazu, dass sich die Situation noch verschlimmert. „Zwei von drei adipösen Menschen, die durch konservative Therapien Gewicht verloren haben, nehmen später wieder zu“, berichtete Blüher vom Universitätsklinikum Leipzig auf einer Pressekonferenz im Juni 2016 in Berlin. Der einzig evidenzbasierte Therapieansatz sei zurzeit die bariatrische Chirurgie, bestätigte auch Luck-Sikorski.

In der befragten Gruppe ist dieses Wissen noch nicht angekommen. Auf die Frage, was man gegen Übergewicht tun kann, waren die meisten (76 Prozent) davon überzeugt, dass eine Ernährungsumstellung ausreiche. Nur 11 Prozent sahen die derzeit effektivste Behandlung, den operativen Eingriff, als Mittel der Wahl (siehe Folie links). Ein trauriges Ergebnis, findet Luck-Sikorski. Hier zeige sich erneut eine unglaublich große Diskrepanz zwischen den Erkenntnissen der Wissenschaft und dem Denken der Allgemeinbevölkerung. Diese Skepsis der Bundesbürger decke sich auch mit Zahlen aus früheren Studien.

In Deutschland ist jeder vierte Erwachsene zwischen 18 und 79 Jahren adipös. Das sind 16 Millionen Menschen. Frauen und Männer sind gleichermaßen betroffen. Der Anteil der Patienten mit extremer Adipositas (BMI über 40) hat sich im Zeitraum 1999 bis 2013 mehr als verdoppelt. Studien belegen, dass Adipositas als Auslöser für mehr als 60 Begleiterkrankungen gilt.

© gie/aerzteblatt.de

Leserkommentare

dr.med.thomas.g.schaetzler am Sonntag, 25. September 2016, 10:10
Diskriminierender Wissenschaftsbetrieb?
Hier wird sehr elegant Wissenschaft als Volksverdummung vorgeführt: Erst befragt man scheinheilig die angeblich "einfältige" Bevölkerung  nach den vermeintlichen Adipositas-Ursachen.

Wenn diese dann ebenso schlicht wie zutreffend im DAK-XXL-Report "Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, Fast Food und Bequemlichkeit" als Ursachen benennt, drischt man mit wissenschaftlichen Neo-Logismen und Tautologien auf sie ein. Ganz so, als müssten Versuchskaninchen irgendwann Pathophysiologie erklären können.

So überschätzen Experten wie Matthias Blüher, Präsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft und Hans Hauner vom Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin in München und Weihenstephan den genetischen Einfluss bei Adipositas mit 70 Prozent, können das aber gar nicht belegen, weil auch nicht 70 Prozent der Gesamtbevölkerung adipös sind oder "es an den Drüsen" haben.

Adipositas ist eben n i c h t "Auslöser" für mehr als 60 Begleiterkrankungen, sondern Ko-Faktor, der durch Ernährung, Sport, Bewegung und Lebensstil-Intervention sogar bedingt reversibel ist. Deshalb warne ich vor undifferenziertem Adipositas-Verherrlichen oder -Pathologisieren. Auch die bariatrische Chirurgie ist nicht für jedermann und -frau geeignet. Denn es gibt auch gesunde Dicke und kranke Schlanke nicht nur bei Diabetes!

Primär ist Adipositas mit chronisch erhöhtem Input und veringertem Output ein thermodynamisches Ungleichgewicht und keine Krankheit, zumal die Übergänge fließend und reversibel sind: Biologisch und im Sinne von Anpassungsvorgängen ("survival of the fittest") plausibel noch lange vor der entwicklungsgeschichtlichen Sesshaftigkeit nach den nomadischen Perioden der Jäger und Sammler. 

Eine diskriminierende, stigmatisierende Ausgrenzung, wie Claudia Luck-Sikorski, Professorin für Psychische Gesundheit und Psychotherapie an der Hochschule für Gesundheit in Gera, postuliert, ist aber keine Einbahnstraße. Sitzen Sie doch mal auf einem DIN-genormten Flugzeug-, Bahn-oder Bus-Sitz neben einem BMI-Inhaber mit 40 oder besser noch zwischen zweien, die dann einen "BMI von 80" zusammenbringen? 

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Dr.Bayerl am Samstag, 24. September 2016, 18:21
ohne Überernährung kein Übergewicht!
das ist das sensationelle Ergebnis der allerneusten Forschung

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