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Politik – 19.05.2017

Bürgerversicherung hungert ambulante Versorgung aus

/zenstock, stock.adobe.com

Berlin – Die von SPD, Grünen und Linken geforderte Bürgerversicherung würde zu Honorarverlusten von jährlich knapp sechs Milliarden Euro führen. Das hat der Verband der Privatärztlichen Verrechnungsstellen (PVS) im Rahmen der Studie „Experiment Bürgerversicherung“ ermittelt. Auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamtes, des Wissenschaftlichen Instituts der PKV und der ärztlichen Standesorganisationen unter­suchte der Verband, wie sich die Bürgerversicherung auf Ärztehonorare, medizinische Infrastruktur und Versorgungsqualität auswirken würde. 

Demnach käme die Einheitskasse die in Deutschland ambulant niedergelassenen Ärzte mit durchschnittlichen Verlusten in Höhe von 49.000 Euro pro Jahr teuer zu stehen. Besonders die Fachärzte müssten mit spürbaren Einbußen rechnen: Bei den HNO-Ärzten machen die Umsätze aus privatärztlicher Tätigkeit gut ein Drittel der Gesamt­einnahmen aus. Ihnen droht ein jährlicher Verlust von etwa 77.000 Euro. Bei Ortho­päden gehe es 139.000 Euro im Jahr, bei Kinderärzten um knapp 31.000 Euro. Fielen diese Umsätze weg, seien Praxisinvestitionen nicht länger finanzierbar, die klassische Facharztpraxis trüge sich nicht mehr.

„Für mich ist es absolut unverständlich, warum eine der anerkanntermaßen besten Versorgungsstrukturen der Welt auf dem Altar der vermeintlichen Gerechtigkeit geopfert werden soll“, resümierte Studienautor Hans-Joachim Kaiser, Stellvertretender Vorsitzender des PVS-Verbandes. Mit einer Bürgerversicherung werde die ambulante Versorgung durch niedergelassene Ärzte schlicht und einfach ausgehungert.

© hil/sb/aerzteblatt.de

Leserkommentare

kairoprax am Samstag, 20. Mai 2017, 10:31
kein SPD-Bashing!

Man muß nicht auf Ferdinand Lasalle, August Bebel und Wilhelm Liebknecht zurückgreifen, um zu zeigen, daß diese SPD sich weit entfernt hat von allem was einmal sozial oder gar sozialistisch war.

Schade!

Wirklich unangenehm ist, daß die SPD sich nicht mehr traut, Fehler einzugestehen, und genauso wenig traut sie sich, eigene Wege zu gehen. Martin Schulz hat eine wahre Begeisterungswelle ausgelöst, als er nur sehr leise angedeutet hat, daß seine Politik sich verabschiedenm könnte von Schröders Agenda und von den Gesetzen, die nach dem verurteilten Gesetzesbrecher Peter Hartz benannt sind. Die Umfragewerte von Martin Schulz sind in dem Moment eingebrochen wo er begonnen hat zu relativieren. Auch die Rede eines Sozialdemokraten sei Ja, Ja und Nein, Nein ... alles andere senkt die Zustimmung der Basis.

Was soll eine soziale SPD eine Umfrage eines weniger sozialen, sondern in erster Linie profitorientierten Bundesverbands der Privatversicherer Interessieren? Das hat mit der "anerkannt besten medizinischen versorgung der Welt" nichts zun tun. Diese anerkannt beste Versorgung der Welt wird nicht von den Privatkassen betrieben, sondern von den Ärzten, den Hebammen, den Arzthelferinnen und den Krankenschwestern.

Die Problematik unseres medizinischen Versorgungssystems liegt nur vordergündig daran, daß wir Ärzte leider, leider auf die GOÄ angewiesen sind, weil der EBM uns unterfinanziert. Das Problem sind die Budgets und Deckelungen, mit denen wir leben müssen und die eine Zukunft der Landärzte und der kleinen Kliniken auf Dauer bedrohen.

Deswegen ist eine Bürgerversicherung genauso guit oder schlecht wie ein Nebeneinander von GKV und PKV, solange nicht der längst ermittelte faire Finanzbedarf für unsere medizinische Versorgung 1:1 umgesetz wird. Wenn die SPD das nicht nur à la Martin Schulz´ angedeutetem Rückzug von der Aganda 2010 in Aussicht stellt, sondern glaubhaft umzusetzen bereit ist, dann ist sie auch wählbar.

Historisch gesehen war es nicht Bismarck, der die Bismarck´schen Sozialgesetze erfunden hat, es war vielmehr die SPD. Uns Kassenärzte würde es ohne die Sozialdemokratie garnicht geben, und wir hätten auch nicht die - wie steht das doch im Gutachten? - die ANERKANNT (!) beste Versorgungstruktur der Welt.

dr.med.thomas.g.schaetzler am Samstag, 20. Mai 2017, 01:50
Nur eine reißerische DÄ-Überschrift?
Die "Bürgerversicherung" steht in der Gesundheitspolitik der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) ganz oben auf der Wahlkampfagenda. Nicht nur SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach kündigt an, die Bürgerversicherung zum Wahlkampfthema zu machen. Auch SPD-Vize Ralf Stegner legte nach. "Ohne eine Verständigung auf eine Bürgerversicherung sollten die Sozialdemokraten nach der Bundestagswahl kein neues Bündnis mit der Union eingehen", sagte er.

Doch damit fährt die SPD ihre eigenen Wahlkampfziele vor die Wand.
Denn Bürgerversicherung, Abschaffung einer "Zwei-Klassen-Medizin", Chancengleichheit im Bildungssystem, gerechtere Familienpolitik und fortschreitende Rentenerhöhungen zu einem Gerechtigkeits-Wahlkampf machen zu wollen, kommt ausgerechnet von "Experten", die das alles mit der Schröder'schen "Agenda 2000" bereits vorexerziert, demontiert und konterkariert haben.

Mit der Bürgerversicherung verdirbt man es sich mit allen Beamtinnen, Beamten und Beihilfeberechtigten im Öffentlichen Dienst. Die Private Krankenversicherung (PKV) und die Altersrückstellungen ihrer Mitglieder kann man nicht entschädigungslos enteignen. Außerdem müssten dann endlich auch die Beitragsbemessungsgrenze und die Freistellung sonstiger Einkünfte wegfallen, was die SPD selbst geradezu aushungern würde.

Eine Zwei-Klassen-Medizin wurde mit §12 Sozialgesetzbuch 5 (SGB V) "Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten" (WANZ-Prinzip wirtschaftlich, ausreichend, notwendig, zweckmäßig) auch und gerade von der SPD für die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) eingeführt und zementiert. Systematisch überproportionale Zuzahlungen und finanzielle Extra-Belastungen bei unseren einkommensschwächsten Patienten sind die Folge. Alle gut verträglichen, nicht rezeptpflichtigen Präparate sind oft unerreichbare Selbstzahler-Leistungen.

Die lupenreine "Bürgerversicherung" existiert bereits über 100 Jahre für 90 Prozent der mittlerweile knapp 83 Millionen Menschen in Deutschland als Gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Einschließlich Herz-Lungen-Nieren-Leber-Hornhaut etc. Transplantationen, einschließlich drug-eluting und bare-metal Stents, einschließlich TAVI, Biologicals, Interferon-, HIV-Medikation, E-Rollstuhl und Carbonprothesen, stationärer, ambulanter und palliativer Versorgung, einschließlich Beatmungs- und Palliativpflege usw. usf. Es wäre reine Demagogie zu behaupten, eine Zwei-Klassen-Medizin würde durch gerade mal 10 Prozent Vollversicherte in der Privaten Krankenversicherung (PKV) abgebildet. Dies geschieht durch immer höhere GKV-Zuzahlungen, Versorgungsausschlüsse, G-BA-Ausgrenzungen und Torpedierung wesentlicher nicht-medikamentöser Therapiemaßnahmen innerhalb der GKV. Dadurch werden Geringverdiener in der GKV-Versorgung und -Sicherstellung zunehmend ins Abseits gestellt.

Mit einem intellektuell abgehobenen Streit um Bürgerversicherung vs. Kopfpauschale, der die FDP Kopf und Kragen gekostet hatte, um Einheits-Krankenkassen oder Einheitsmedizin mit 3 Pillen à la Lauterbach kann die SPD in einem Wahlkampf-Marathon nicht punkten. Ihre viel zitierte "Gerechtigkeitslücke" ist zu abstrakt, um die systematische Ausgrenzung und Entsolidarisierung in Deutschland zu beschreiben.

Absolut aberwitzig ist die von der Hamburger SPD-Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks aufgebrachte Idee der Aufhebung der Grenzen zwischen den ambulanten und stationären Sek­toren: Die Grenzen zwischen ambulant/stationär komplett aufheben zu wollen, hieße Medizin- und Versorgungs-bildungsfern den REHA-Patienten auf der Intensivstation zu therapieren, den akuten Herzinfarkt ambulant auf der grünen Wiese per PTCA zu katheterisieren und die akute Appendizitis nur noch durch den Hausarzt operieren zu lassen.

Wir brauchen dagegen ein auch für Laien verständliches, strukturiertes Konzept mit abgestuften Versorgungsebenen:
1. Präformiertes medizinisches Laienwissen in Schule, Ausbildung, Studium, Erwachsenenbildung entwickelt und gefördert.
2. Lotsenfunktion/Koordination durch Hausärzte als "Primärarzt"
3. allgemeinärztlich-internistisch-pädiatrische Grundversorgung
4. fachärztliche, spezialmedizinische, ambulante Fachversorgung
5. ambulante bis stationäre Stufendiagnostik
6. Therapie/Versorgung Beschwerden-, Situations- und Krankheits-adaptiert vom Kreiskrankenhaus bis zur Uniklinik.

Und wir müssen weg von dem ewigen Mantra der Gesundheit und dem Versuch, alle bio-psycho-sozialen Probleme gesundbeten zu wollen. Endlich Krankheit, Behinderung, Siechtum und körperliche bzw. psychische Beschädigungen als integral-vitale, schwierige und zugleich bereichernde Lebensäußerungen zu begreifen und unsere Patientinnen und Patienten dort abzuholen, wo sie gerade stehen: Bei Schwangerschaft, Geburt, Kindheit, Jugend, Adoleszenz, Erwachsensein, Alterung, Leben, Vergänglichkeit und Tod!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Adolar am Freitag, 19. Mai 2017, 21:48
Systemproblem.
Ich verstehe das schon, wenn man einen Privatpatienten braucht, um 5 (oder mehr?) Kassenoutlaws behandeln zu können, und zwar so, daß noch bissi was am Monatsende übrig bleibt.
Es kann daher nicht sein, daß im Krankheitsystem nur abgezogen wird - es ist wie bei den dauernd klagenden Bauern: Auch die wollen nur für ihre Produkte angemessen bezahlt werden, mehr nicht.

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