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Wie viele Patienten sollte ein Hausarzt pro Tag maximal versorgen?

Mittwoch, 16. Mai 2018
/dpa

London – Die British Medical Association schlug kürzlich vor, die Zahl der Patienten, die ein Hausarzt jeden Tag versorgt, zu begrenzen, um die Patientensicherheit zu erhöhen. Im British Medical Journal (BMJ) ist dazu eine Debatte entbrannt (2018; doi: 10.1136/bmj.k1947).

Für eine solche Begrenzung spricht sich beispielsweise Laurence Buckman aus, Hausarzt in London. „Jedes Problem ist für jeden Patienten wichtig“, räumt er ein, „aber wir können nicht immer weiterarbeiten, bis wir einen potenziell schweren Fehler machen oder selbst durch Überarbeitung krank werden!“

Ein müder Hausarzt läuft Gefahr Patienten zu gefährden

Er weist darauf hin, dass viele Hausärzte mit einer festen Anzahl von Terminen in den Tag starten, zum Beispiel 18 Konsultationen an jedem halben Tag. „Aber wir haben auch die Haltung, niemanden abzuweisen, der sagt, dass er oder sie in Not ist“, erläuterte er. Auf diese Weise erhöhe sich die Zahl der Konsultationen. „Die Zeit ist gekommen, in der der Öffentlichkeit gesagt werden muss, dass ein müder Hausarzt Gefahr läuft, den Patienten – und den Arzt – zu schädigen“, betont er.

Michael Griffiths, Hausarzt in Südwales, sieht dies anders. Eine Obergrenze ist seiner Auffassung nach ein weiteres bürokratisches Instrument, dass den Praxen auferlegt werde und sie letztlich hemme. „Das ist der falsche Weg, weil es unsere Flexibilität und Professionalität im Umgang mit Patienten einschränkt“, sagte er. 

Zentral ist laut Griffiths außerdem, dass die Debatte um Obergrenzen davon ablenke, dass es eigentlich darum gehen müsse, zusätzliche Ressourcen in die Primärversorgung zu bringen. „Was wir brauchen, ist ein größerer Anteil der Ressourcen im National Health Service (NHS), die in die Primärversorgung kommen, damit wir unsere Praxen ordnungsgemäß verwalten können und der richtige Fachmann genug Zeit hat, sich jedem Patienten zu widmen“, so seine Forderung. 

Die Patientin Jennifer Skillen beklagt in einem Kommentar zum Thema (BMJ 2018; doi: 10.1136/bmj.k1962), dass viele Patienten bereits mehr als zwei Wochen auf einen Termin beim Hausarzt warten müssten. Die Einführung von Obergrenzen für die Zahl der täglichen Konsultationen würde diese Situation wahrscheinlich noch verschlimmern. „Der NHS braucht einen grundlegenden Systemwandel. Wir müssen über kurzfristige Optimierungen hinausblicken und langfristige Strategien im NHS entwickeln, die Hausärzte dabei unterstützen, Patienten betreuen“, betonte sie.

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