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Erektile Dysfunktion ist unabhängiger Risikofaktor für Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen

Montag, 11. Juni 2018
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Baltimore – Eine erektile Dysfunktion ist bei älteren Männern häufig Zeichen einer fortgeschrittenen Gefäßerkrankung. Das Risiko, in den nächsten Jahren einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder plötzlichen Herztod zu erleiden, war in einer prospektiven Kohortenstudie in Circulation (2018; doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.118.033990) auch dann noch erhöht, wenn andere Risikofaktoren berücksichtigt wurden.

Eine Erektion setzt gesunde Blutgefäße voraus. Das Endothel in den Arterien im Corpus cavernosum muss in der Lage sein, innerhalb kurzer Zeit genügend Stickstoffmonoxid freizusetzen, damit über eine Vasodilatation der Penisarterien die Schwellkörper mit Blut gefüllt werden können. Wenn dies nicht gelingt, sind meist auch die Arterien an anderen Orten des Körpers geschädigt. Es war deshalb bekannt, dass eine erektile Dysfunktion häufig ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko anzeigt. 

Bislang gingen die Epidemiologen davon aus, dass die männlichen Potenzstörungen eine Folge des metabolischen Syndroms sind. Dies ist eine häufige Konstellation von adipösen Männern (und Frauen), bei der es infolge einer Insulinresistenz zu einer Erhöhung von Blutzucker, Blutfetten und Blutdruck kommt. 

Eine Analyse der MESA-Kohorte (Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis), die mehr als 6.000 Männer und Frauen aus 6 US-Städten begleitet, zeigt jetzt jedoch, dass die erektile Dysfunktion bei Männern unabhängig von den anderen Komponenten des metabolischen Syndroms das Herz-Kreislauf-Risiko erhöht. 

Von den 1.914 männlichen Teilnehmern, die zu Potenzstörungen befragt worden waren, hatten 877 im mittleren Alter von 69 Jahren Erektionsstörungen angegeben. Wie zu erwarten, gab es in dieser Gruppe mehr Menschen mit Diabetes mellitus sowie weitere Familienmitglieder mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Männer mit erektiler Dysfunktion nahmen auch häufiger Blutdruckmedikamente (darunter Betablocker), Lipidsenker und Antidepressiva ein.

Diese Faktoren erklärten jedoch nicht vollständig, warum die Männer mit erektiler Dysfunktion in den knapp 4 Jahren der Nachbeobachtungszeit zweieinhalbfach häufiger einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten als Männer ohne Potenzstörungen. Ein Team um Michael Blaha von der Johns Hopkins School of Medicine in Baltimore ermittelte eine Hazard Ratio von 2,5 (95-%-Konfidenzintervall 1,3 bis 4,8) für eine koronare Herzkrankheit und eine Hazard Ratio von 2,6 (1,6–4,1) für Herzinfarkt, Herzstillstand und Schlaganfall.

Entgegen der Erwartung ließ sich das Risiko nicht vollständig auf die anderen Risikofaktoren zurückführen. Das Risiko blieb in verschiedenen Modellberechnungen weiterhin erhöht. Für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse berechnet Blaha eine Hazard Ratio von 1,9 (1,1–3,4), für eine koronare Herzkrankheit betrug betrug die Hazard Ratio 1,8 (0,8–4,0). Für die kardialen Ereignisse war der Zusammenhang damit nicht mehr signifikant, was aber an der geringen Teilnehmerzahl und der kurzen Nachbeobachtung gelegen haben könnte.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass eine (nicht psychogene) erektile Dysfunktion bei älteren Männern immer ein ernster Hinweis auf ein drohendes kardiovaskuläres Ereignis ist. Die erektile Dysfunktion lässt sich zwar mit Sildenafil gut behandeln. Es gibt jedoch keine Hinweise, dass der PDE-5-Hemmer, der kurzzeitig die Konzentration von Stickstoffmonoxid erhöht, die Männer langfristig auch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützt.

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