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HIV: Präexpositions­prophylaxe verführt zum Verzicht auf Kondome

Dienstag, 12. Juni 2018
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Sydney – Seit Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), in Australien Medikamente zur Präexpositionsprophylaxe (PrEP) auf Rezept erhalten, ist die Zahl der HIV-Infektionen gesunken. Die günstige Abgabe von Truvada lässt viele MSM jedoch unvorsichtig werden. Eine Querschnittstudie in Lancet HIV (2018; doi: 10.1016/S2352-3018(18)30072-9) zeigt eine deutliche Zunahme von unsicheren Sexualkontakten. 

Die Kombination aus Emtricitabin und Tenofovir, deren Einnahme recht zuverlässig vor einer HIV-Infektion schützt, wurde im Mai 2016 von der australischen Arzneimittel­behörde zugelassen. In den Staaten Victoria und New South Wales wurden damals Programme zur kostengünstigen Abgabe von Truvada begonnen. Inzwischen können Interessierte die Medikamente relativ kostengünstig über das Pharmaceutical Benefits Scheme erhalten, das die Abgabe von Medikamenten staatlich subventioniert.

Die Ergebnisse der Melbourne and Sydney Gay Community Periodic Surveys, die seit 2013 MSM regelmäßig zu ihrem Sexualverhalten befragt, zeigen, dass der Anteil der HIV-negativen Männer, die eine PrEP praktizieren, zwischen 2013 und 2017 von 2 % auf 24 % gestiegen ist.

Laut anderen Quellen ist die Zahl der Neuinfektionen bei MSM in Victoria um 16 % und in New South Wales um 11 % gesunken. Experten betrachten dies als einen Erfolg der PrEP. 

Auch viele MSM vertrauen auf die präventive Wirksamkeit der beiden Wirkstoffe – und verzichten bei Sexkontakten zunehmend auf Kondome. Der Anteil der MSM mit PrEP, die in den letzten 6 Monaten kondomlosen Risikosex hatten („condomless anal intercourse with casual partners“, CAIC), ist in Sydney oder Melbourne von 1 auf 16 % gestiegen.

Hinzu kommt eine anhaltend hohe Anzahl von HIV-negativen oder nicht getesteten MSM, die keine Kondome benutzen, obwohl sie keine PrEP-Medikamente einnehmen. Der Anteil ist laut Martin Holt von der Universität Sydney mit 29 % in 2017 gegenüber 30 % in 2013 praktisch gleichgeblieben. 

Holt warnt, dass trotz der sinkenden HIV-Neuerkrankungen ungeschützte Sexual­kontakte für MSM gefährlich sind. 

Gefährdet sind nicht nur MSM, die keine PrEP betreiben. Auch Männer, die regelmäßig Truvada einnehmen, können bei ungeschützten Kontakten andere sexuell übertragbare Erkrankungen (STD) wie Gonorrhöe oder Syphilis erwerben. Die Inzidenz dieser Erkrankungen ist auch in Ländern wie Deutschland, in denen die PrEP nicht so häufig angewendet wird wie in Australien, in den letzten Jahren gestiegen. Die Ausbreitung von resistenten Gonokokken zeigt, dass diese Infektionen nicht immer kurzfristig durch Einnahme von Antibiotika kuriert werden können.

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