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Medizin – 23.06.2017

Rekombinanter Grippe-Impfstoff erzielt bei älteren Menschen bessere Schutzwirkung

Thomas Madel stock.adobe.com

Meriden – Ein rekombinanter quadrivalenter Grippe-Impfstoff, der in Insektenzellen hergestellt wird, hat im direkten Vergleich mit einem konventionellen Vierfach-Impfstoff aus inaktivierten Viren bei über 50-Jährigen die bessere Schutzwirkung erzielt, wie die jetzt im New England Journal of Medicine (2017; 376: 2427-36) publizierten Ergebnisse zeigen, die im Oktober letzten Jahres in den USA zur Zulassung geführt haben.

Grippe-Impfstoffe werden seit Jahrzehnten auf die gleiche Weise hergestellt. Nachdem die Weltgesundheitsorganisation im Frühjahr eine Vorhersage über die erwarteten Virustypen abgibt, werden von den Herstellern befruchtete Hühnereier mit den Influenza-Viren infiziert. Die Produktion ist zeitaufwendig (Lieferzeit etwa 6 Monate) und bei der Vermehrung in den Hühnerembryonen kommt es zu Mutationen der Grippeviren, die die Schutzwirkung herabsetzen können. 

Gentechnische Impfstoffe können in Zellkulturen relativ schnell (Lieferzeit etwa 6 bis 8 Wochen) produziert werden. Sie könnten deshalb besser auf die vorherrschenden Grippeviren angepasst werden. Mutationen können vermieden werden und der Impfstoff ist frei von Fremdproteinen, Formaldehyd, Antibiotika oder Konservierungsstoffen.

Dennoch haben sich die rekombinanten Impfstoffe bisher nicht durchgesetzt. In Deutschland ist kein einziger saisonaler Impfstoff auf dem Markt. In den USA wurde 2013 ein erster Impfstoff zugelassen. Er wird in Zellen aus Insekten hergestellt, die mittels eines Virus mit Hämagglutinin-Gene ausgestattet wurden und die Impfstoffkomponenten in größerer Menge produzieren. Die erste Version enthielt drei Hämagglutinine. Im letzten Jahr hat der Hersteller die Zahl der Antigene auf vier erhöht. 

Für die Vermarktung des neuen quadrivalenten Impfstoffs wurden weitere klinische Studien notwendig. Eine der beiden Studien wurde an Probanden im Alter über 50 Jahre durchgeführt. Da bei älteren Menschen die Immunantwort nachlässt, wurde die Dosis auf 45 µg Hämagglutinin für jedes der vier Antigene (also 180 µg insgesamt) erhöht. Als Vergleichsimpfstoff wurde ein kommerziell zugelassener quadrivalenter Impfstoff mit 15 µg Hämagglutinin pro Antigen (also 60 µg insgesamt) gewählt. Beide Impfstoffe enthielten die gleichen Antigene, die von der Weltgesundheitsorganisation für die Saison 2014/15 empfohlen worden waren.

An 40 US-Zentren erhielten insgesamt 8.855 Personen im Alter von 50 bis 94 Jahren einen der beiden Impfstoffe injiziert. Primärer Endpunkt war eine durch Gennachweis bestätigte Influenza-Infektion. Wie der Hersteller mitteilt, erkrankten 96 von 4.303 Teilnehmern (2,2 Prozent), die die gentechnische Vakzine erhalten hatten, an einer Influenza. Nach der konventionellen Impfung kam es bei 138 von 4.301 Probanden (3,2 Prozent) zu einer Influenza.

Der Hersteller erreichte eine Hazard Ratio von 0,69, die mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,53 bis 0,90 signifikant war. Damit hat der Impfstoff nicht nur die Forderungen der FDA erfüllt, die die Non-Inferiorität zur Bedingung für eine Zulassung macht. Der gentechnische Impfstoff war (vermutlich wegen der dreifach höheren Dosierung) um 39 Prozent effektiver als die konventionelle Vakzine. Der Vorteil war einzig auf eine niedrige Rate von Influenza A-Infektionen zurückzuführen (Hazard Ratio 0,64; 0,48-0,86). Influenza B-Infektionen traten in beiden Gruppen gleich häufig auf (Hazard Ratio 0,96; 0,54-1,57).

Leider enthielt die Studie keinen Placebo-Arm, so dass unklar bleibt, wie viele Erkrankungen insgesamt durch die beiden Impfungen vermieden wurden. Die Studie wurde in einer Saison durchgeführt, in der die Vorhersagen der WHO sich nicht erfüllten.  Nach einer Einschätzung der Centers for Disease Control and Prevention lag der Impfschutz in der Saison nur bei 27 bis 36 Prozent.

Beide Impfstoffe erwiesen sich als gleich gut verträglich. Die Erhöhung der Dosis im gentechnischen Grippe-Impfstoff war nicht mit einer erhöhten Rate von Nebenwirkungen verbunden.

© rme/aerzteblatt.de

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