3/30

Medizin – 22.05.2017

Angiotensin II steigert Blutdruck im vasodilatatorischen Schock

Melbourne – Die Infusion einer synthetischen Variante von Angiotensin II, dem stärksten körpereigenen Vasopressor, hat in einer randomisierten kontrollierten Studie bei Patienten mit katecholamin-resistenter Hypotension den Blutdruck häufig stabilisiert. Ein sicherer Einfluss auf den klinischen Zustand der Patienten und das Überlebensrisiko konnte laut der Publikation im New England Journal of Medicine (2017; doi: 10.1056/NEJMoa1704154) jedoch nicht nachgewiesen werden.

Die Bedeutung von Angiotensin II wurde nach seiner Entdeckung und Synthese in den 50er Jahren schnell erkannt. Das Hormon, das im Konzert des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems die Arterien engstellt, wurde schon bald an Patienten mit kardiovaskulären Schockzuständen getestet. Zum breiten Einsatz ist es nie gekommen, was mit dem raschen Abbau des Oktapeptids im Blut zusammenhängen dürfte. Zudem gab es mit den Katecholaminen bereits effektive Mittel zur Stabilisierung des Kreislaufs, die immer dann zum Einsatz kommen, wenn die Volumensubstitution allein nicht zum Ziel führt. 

Katecholamine wirken jedoch nicht bei allen Patienten. Vor allem bei Sepsispatienten kommt es häufig zu einer vasodilatorischen Schockform, die häufig nicht auf Katecholamine reagiert. Auch das kürzlich zugelassene Vasopressin erzielt bei diesen Patienten nicht immer die gewünschte Wirkung. Ein US-Hersteller hat jetzt eine neue synthetische Variante von Angiotensin II (LJPC-501) in einer randomisierten klinischen Studie getestet.

An der Studie nahmen in neun Ländern (mit deutscher Beteiligung) 344 Patienten teil, die in den zurückliegenden 6 bis 48 Stunden eine Katecholamindosis von mehr als 0,2 µg/kg/min benötigt hatten, um einen minimalen arteriellen Blutdruck von 55 bis 70 mm Hg aufrechtzuerhalten. Die Patienten wurden auf eine zusätzliche Behandlung mit LJPC-501 oder Placebo randomisiert. Die Behandlung wurde mit 20 ng/kg/min begonnen und dann auf eine Dosis gesteigert, die den Blutdruck innerhalb von drei Stunden auf mindestens 75 mm Hg steigern sollte.

Dieses Ziel, das primärer Endpunkt der Studie war, erreichten in der Angiotensin II-Gruppe 114 von 163 Patienten (69,9 Prozent) gegenüber 37 von 158 Patienten (23,4 Prozent) in der Placebo-Gruppe. Das Team um Rinaldo Bellomo von der Universität Melbourne errechnet eine Odds Ratio von 7,95, die mit einem 95-Prozent-Konfi­denzintervall von 4,76 bis 13,3 statistisch hoch signifikant war. Die stabilisierende Wirkung auf den Blutdruck steht damit außer Zweifel.

Die Behandlung erwies sich auch als sicher. Zwar kam es bei 60,7 Prozent der Patienten zu schweren Nebenwirkungen, die bei 14,1 Prozent den Abbruch der Behandlung erforderlich machten. In der Placebogruppe kam es jedoch bei 67,1 Prozent der Patienten zu schweren Nebenwirkungen und bei 21,5 Prozent zum Abbruch.

Der Hersteller, der die Studie unter den Bedingungen eines „Special Protocol Assessment“ der US-Arzneibehörde FDA durchgeführt hat, darf aufgrund der Ergebnisse mit einer baldigen Zulassung rechnen, auch wenn die Stabilisierung des Blutdrucks nicht allen Patienten genutzt hat. Der kardiovaskuläre SOFA-Score, der den Zustand mit 0 bis 4 Punkten bewertet, verbesserte sich im Durchschnitt um 1,75 Punkte. Das war zwar signifikant mehr als in der Placebogruppe, wo sich der kardiovaskuläre SOFA-Score um 1,28 Punkte verbesserte. In allen anderen Aspekten des SOFA-Score (der auch die Funktion von Nieren, Leber, Atmung, Blutgerinnung und Nervensystem bewertet) gab es jedoch keine signifikante Verbesserung. 

In der Angiotensin II-Gruppe lebten nach 28 Tagen noch 75 von 163 Patienten (46 Prozent) gegenüber 85 von 158 Patienten (54 Prozent) in der Placebo-Gruppe. Die Hazard Ratio von 0,78 verfehlte aufgrund eines ungewöhnlich weiten 95-Prozent-Konfidenzintervalls von 0,57 bis 1,07 jedoch das Signifikanzniveau.

© rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

Drhagula am Montag, 22. Mai 2017, 21:09
Danke für den Hinweis auf die Studie, aber ...
... im Original: Death by day 28 occurred in 75 of 163 patients (46%) in the angiotensin II group and in 85 of 158 patients (54%) in the placebo group. Bitte beachten und in der Übersetzung korrigieren. Danke.

Bookmark-Service:
3/30
Medizin
Politik
Ärzteschaft
Ausland
Vermischtes
Hochschulen