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Dtsch Arztebl 2016; 113(48): A-2190 / B-1812 / C-1788


Schmitt-Sausen, Nora

Ost-West-Bewegung: Der Osten blutet aus

THEMEN DER ZEIT


Viele osteuropäische Gesundheitssysteme leiden unter massiven strukturellen Schwächen. Die Folge: Mediziner wandern in großen Zahlen ab, was die Probleme noch verschärft.

Demonstration: Ende September protestierten Tausende von Ärzten und Pflegekräften und weiteren medizinischen Berufen in Warschau für bessere Arbeitsbedingungen mit dem Motto „Zeit für Gesundheit“. Foto: dpa

Niedrige Gehälter, hohe Arbeitsbelastung, veraltete medizinische Infrastruktur, chronische Unterfinanzierung, defizitäre Patientenversorgung: Die Gründe, warum Ärzte ihre heimischen Gesundheitssysteme verlassen, sind schnell benannt. In vielen Ländern Osteuropas kämpft die medizinische Elite mit nahezu all diesen Problemen. Über Jahrzehnte gewachsene strukturelle Defizite im Gesundheitswesen machen den medizinischen Alltag schwer. Viele Ärzte suchen ihre berufliche Perspektive deshalb in Zentral- und Westeuropa. Im Zeitalter offener Grenzen und verringerter Mobilitätshemmnisse ist dieser Wegzug möglich geworden. Für die heimischen Gesundheitssysteme ist diese Entwicklung ein Drama.

Rückblick: Die EU-Osterweiterung 2004 war auch für den medizinischen Sektor eine Zeitenwende. Doch aus Sicht der ost- und mitteleuropäischen Staaten keine positive, zumindest nicht mit Blick auf ihr medizinisches Personal. Die offenen Grenzen und die erleichterte Anerkennung der Ausbildung entfaltete eine Sogwirkung auf viele Ärzte und Pflegekräfte. Was zuvor nur im Kleinen stattgefunden hatte, geschah nun im großen Stil: Länder wie die Tschechische Republik, die Slowakische Republik, Ungarn, Polen und Rumänien verloren in großen Zahlen ihr medizinisches Personal.

 Inzwischen haben viele der betroffenen Länder Maßnahmen ergriffen, um gegen die Abwanderung anzukämpfen. Es wird in die ärztliche Ausbildung investiert, Gehälter der Mediziner angehoben. Auch die Europäische Union tut viel, um Osteuropas Gesundheitssysteme zu stärken und damit auch die Abwanderung des medizinischen Personals zu stoppen. Doch die Kluft zwischen den Arbeitsbedingungen in West und Ost ist weiterhin groß und eine Trendwende ist bislang nicht in Sicht. Besonders dramatisch: Vor allem junge Ärzte zieht es ins westliche Ausland.

Polens Ärzte haben die Hoffnung aufgegeben

Am Beispiel Polen wird deutlich, wie angespannt die Lage ist: Nach Angaben der deutschen Außenhandelsagentur Germany Trade & Invest (gtai) hat Deutschlands Nachbar in den vergangenen sieben Jahren mehr als eine Milliarde Euro aus Brüssel erhalten, um sein chronisch unterfinanziertes Gesundheitswesen zu stärken. Doch Polens Mediziner haben die Hoffnung auf Besserung aufgegeben – und wandern bereits seit Jahren in großen Zahlen ab.

Allein in Deutschland arbeiten nach Angaben der Bundesärztekammer 1936 polnische Ärzte (Stand 2014). Weitere beliebte Ziele für Polens Mediziner sind Skandinavien und – zumindest bis zur Brexit-Entscheidung – Großbritannien.

Der Wegzug der medizinischen Elite trifft das Land empfindlich, denn Polens Gesundheitswesen leidet bereits seit Jahren an einem massiven Ärztemangel. Auf 100 000 Einwohner kommen 221 Ärzte, in Deutschland sind es 405 (WHO-Statistik, Stand 2013). Noch dazu: Die Abwanderung der Ärzte ist nicht das einzige Problem für das Land. Polen verliert auch seine Pflegekräfte in großen Zahlen. Auch sie zieht es vor allem in das direkte Nachbarland Deutschland. Gut 20 Prozent aller ausländischen Pflegekräfte, die in Deutschland arbeiten, stammen aus Polen, besagen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Leidtragende sind die Patienten. Im jährlichen Euro Health Consumer Index der schwedischen NGO Health Consumer Powerhouse schneidet Polen im internationalen Vergleich schlecht ab. Die Organisation nimmt seit sechs Jahren 35 Gesundheitssysteme unter die Lupe und verwendet dabei nach eigenen Angaben 48 verschiedene Indikatoren. Darunter fallen Aspekte wie Patientenrechte und Patienteninformationen, Zugang zur Versorgung, Behandlungsergebnisse und Prävention. In der jüngsten Erhebung aus dem Jahr 2015 rangiert Polen auf Position 34 von 35 – und nimmt damit nicht zum ersten Mal einen der hintersten Plätze ein. Wer über die finanziellen Mittel verfügt, sucht – wie überall – Hilfe im privaten Sektor. Doch das sind, nicht nur in Polen, die wenigsten.

Auch Südosteuropa ist beim Blick auf das Gesundheitswesen eine krisengebeutelte Region. Neben den historisch gewachsenen Strukturproblemen traf die Finanzkrise die Balkanländer besonders hart. Vor allem dem staatlichen Gesundheitswesen von Griechenland haben Finanzkrise, Sparzwang und hohe Arbeitslosigkeit schwer zugesetzt. In einigen Landesteilen ist die medizinische Versorgung nur noch mit Unterstützung von Hilfsorganisationen aufrechtzuerhalten. Die Folge: Mehrere Tausend griechische Ärzte haben vor den schlechten Arbeitsbedingungen kapituliert und sind ins Ausland geflohen. Das verschärft die Situation in der Heimat: Die Ärzte, die übrig bleiben, versuchen, unter den widrigen Bedingungen die Versorgung zu stemmen, arbeiten oft jenseits der Belastungsgrenze. Sie behandeln teils kostenlos und bringen einen Teil ihrer Zeit auf, um für Spenden für chronisch klamme Kliniken zu bitten.

Osteuropa droht ein medizinisches Desaster

Nicht nur in Griechenland gingen Ärzte in den vergangenen Jahren immer wieder auf die Straße, um gegen die schlechten Arbeitsbedingungen zu demonstrieren. Auch in Ungarn, das seit dem EU-Beitritt ebenfalls mehrere Tausend Ärzte an den Westen verloren hat, und Rumänien, in dem im Krankenhaussektor vielerorts „katastrophale Zustände“ herrschen, wie es die Österreichische Ärztekammer beschreibt, gärt es. Ein rumänischer Krankenhausarzt verdient gerade einmal zwischen 250 und 1 500 Euro im Monat. In Ungarn gehen die Ärzte ebenfalls mit sehr wenig Geld nach Hause – obwohl sich die Lebenshaltungskosten vielerorts längt an Westeuropa angepasst haben.

Sicher ist: Sollte sich an den Zuständen nichts ändern, droht Osteuropa ein medizinisches Desaster.

Nora Schmitt-Sausen

Ärztestatistik

Ein Blick auf die Ärztestatistik 2015 der Bundesärztekammer spiegelt wider, dass vor allem Deutschland ein beliebtes Ziel von ausländischen Medizinern ist. Die Zahl der in Deutschland gemeldeten ausländischen Ärzte ist demnach allein im Jahr 2015 um 2 943 auf insgesamt 42 604 gestiegen. Die meisten neu zugezogenen ausländischen Ärzte kamen im vergangenen Jahr aus Syrien (+ 493), es folgen Serbien (+ 206), Rumänien (+ 205), Russland (+ 159) und Bulgarien (+ 127). Insgesamt stammt die größte Zahl der ausländischen Ärzte, die in Deutschland tätig sind, aus Rumänien (4 062), Griechenland (3 017) und Österreich (2 573). 70,6 Prozent aller ausländischen Ärzte in Deutschland stammen aus europäischen Staaten. Deutschlands Magnetwirkung hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Laut der Ärztestatistik hat sich die Zahl der berufstätigen ausländischen Ärzte in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht.

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