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Dtsch Arztebl 2017; 114(18): A-875 / B-735 / C-721


Krüger-Brand, Heike E.

Digitalisierung: Patientenakte als „Königsdisziplin“

POLITIK


Als vordringliches Thema beim Ausbau der Gesundheitstelematik erweist sich zunehmend die elektronische Patientenakte. Mit ihr rückt zugleich der Patient ins Zentrum.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe will bei der elektronischen Patientenakte Tempo machen. Foto: conHIT

Nach jahrelangen Diskussionen um den richtigen Weg zum Aufbau einer Telematikinfrastruktur für das Gesundheitswesen geraten immer mehr der Patient und seine Rolle in einer vernetzten Versorgung in den Blick. „Mit dem E-Health-Gesetz haben wir Tempo gemacht, damit der Nutzen der Digitalisierung endlich bei den Versicherten ankommt“, betonte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe bei der Eröffnung der Medizin-IT-Messe conhIT in Berlin. Nachdem bereits Anwendungen wie der Notfalldatensatz und der Medikationsplan auf den Weg gebracht seien, stehe jetzt vor allem die elektronische Patientenakte (ePA) als „Königsdisziplin“ (Gröhe) auf dem Programm. Sie sei das „notwendige Instrument, damit alle Behandler im Hinblick auf Mehrfacherkrankungen und chronisch Erkrankte alles Wissen zur Verfügung haben“, sagte Gröhe. Es müsse endlich damit Schluss sein, dass Patienten als Datenträger missbraucht würden, indem sie „Befunde in braunen Umschlägen von Arzt zu Arzt tragen“. Mit dem geplanten Patientenfach auf der Gesundheitskarte bestehe zudem „die Riesenchance, die Souveränität der Patienten über ihre Daten zu stärken“.

Auch über Parteigrenzen hinweg herrschte Einigkeit darüber, dass die ePA das Kernelement der Vernetzung im Gesundheitswesen ist. Das wurde bei einer Podiumsdiskussion deutlich, an der sich Gesundheitspolitiker von CDU, SPD, den Grünen und FDP beteiligten.

„Unser Wahlprogramm schreiben wir erst im Juni, aber ein zentraler Punkt wird sicherlich die elektronische Patientenakte sein, die wir weiter voranbringen wollen“, bestätigte etwa Dirk Heidenblut (MdB, SPD).

Die ePA dürfe nicht nur aus Sicht der Leistungserbringer betrachtet werden, forderte Maria Klein-Schmeink (MdB, Bündnis 90/Die Grünen). Notwendig sei auch ein Patientenportal, das sowohl Informationen vorhalte als auch „dem Patienten die Möglichkeit gibt, seine Daten selbst zu verwalten“. Es gehe um mehr Patientenorientierung und mehr Selbstbestimmung.

Eine staatliche Einheitsakte nach dem Modell einiger anderer europäischer Länder fand hingegen keine Zustimmung. „Es gibt seit Jahren elektronische Patientenakten“, erklärte Dr. phil. Katja Leikert (MdB, CDU). Viele Krankenkassen förderten ePAs, das sei ein guter Wettbewerb. Der Markt werde vieles regulieren. SPD-Politiker Heidenblut forderte jedoch einheitliche Rahmenbedingungen, etwa im Hinblick auf den Zugang, die Sicherheit und die Interoperabilität. Dies vorausgesetzt, sei es letztlich egal, wer die ePA betreibe, ob eine Kasse oder ein privater Anbieter.

Patient als Co-Therapeut

Auch die Zukunftsforscherin Jeanette Huber vom Zukunftsinstitut stellte in ihrer Keynote den Patienten ins Zentrum. „Der Patient ist kein passiver Zuschauer mehr, wenn es um den Erhalt seiner Gesundheit geht. Er überwacht diese aktiv und ist dank der Digitalisierung zum ,Co-Therapeuten‘ geworden“, sagte sie. Nach einer Studie ihres Instituts aus dem Jahr 2015 meinen 77 Prozent der Deutschen, dass die Verantwortung für ihre Gesundheit bei ihnen selbst liegt. Apps und Gadgets unterstützen Huber zufolge die Motivation zu gesundem Verhalten. Gleichzeitig sei ein gelernter Umgang mit Technik wichtig, damit aus Unterstützung nicht Entmündigung durch Technik werde. Laut Huber steht im Gesundheitsbereich ein Paradigmenwechsel bevor: Die Gesundheit der Zukunft basiert bei vielen Menschen zunehmend auf Daten, die kontinuierlich erhoben werden. Sie werden von „schlauen Systemen“ schon voranalysiert, daher können medizinische Eingriffe früher stattfinden. Das verbessere die Gesundheit und emanzipiere den Einzelnen.

Dennoch könnten auch künftig Algorithmen nicht die Ärzte ersetzen. „Menschen wollen Reduktion von Komplexität durch Maschinen, aber gleichzeitig wollen sie ihre Souveränität gegenüber Technologie behalten“, so Huber. Zudem sei Technik nicht neutral. Hinter Algorithmen stünden immer Entscheidungen darüber, was wünschenswert sei oder wer von den neuen Technologien profitiere.

Die Medizin der Zukunft sei interdisziplinär und hybrid: Sie stütze sich auf die Erkenntnisse und Erfahrungen von Menschen und auf die Ergebnisse und Empfehlungen von Maschinen. „Digitalisierung ist ein gestaltbarer Prozess“, erklärte Huber. Die Richtgröße könne nicht nur Effizienz sein. 84 Prozent der Menschen wünschten sich mehr Einfühlungsvermögen und Menschlichkeit von ihren Ärzten, wenn sie an die Gesundheitsversorgung der Zukunft denken.

Heike E. Krüger-Brand

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