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Dtsch Arztebl 2017; 114(18): A-886 / B-746 / C-731


Hillienhof, Arne

Ärztestatistik: Arztzahlen wachsen zu langsam für den Versorgungsbedarf

THEMEN DER ZEIT


Weiterhin ungebrochen ist der Trend zur Festanstellung im ambulanten Bereich. Im Jahr 2016 betrug der Zuwachs hier 10,1 Prozent.

Foto: mauritius images

Die Zahl der in Deutschland tätigen Ärzte ist im vergangenen Jahr wieder leicht gestiegen: um 2,1 Prozent auf 378 607, das sind 7 305 Ärztinnen und Ärzte mehr als im Jahr 2015. Bekanntlich wächst wegen des steigenden Durchschnittsalters der Bevölkerung in Deutschland auch der Behandlungsbedarf. Der medizinischen Fortschritt trägt mit seinen neuen Möglichkeiten ebenfalls dazu bei.

„Mehr Ärzte bewältigen den steigenden Versorgungsbedarf“ – stimmt diese Formel? Keineswegs. „Wer nur die leicht steigenden Arztzahlen betrachtet, verschließt die Augen vor der ganzen Wahrheit. Tatsächlich öffnet sich die Schere zwischen Behandlungsbedarf und Behandlungskapazitäten immer weiter“, sagte der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, bei der Vorstellung der neuen Ärztestatistik für das Jahr 2016.

Ein Blick in die Zahlen macht diese Problematik deutlich: Von allen bei den Ärztekammern gemeldeten Ärztinnen und Ärzten arbeiten laut der BÄK-Statistik 194 401 im Krankenhaus. 151 989 sind ambulant tätig. Hinzu kommen 32 217 Mediziner, die bei Behörden, Körperschaften und in sonstigen Bereichen beschäftigt sind. Ihr Anteil blieb im Vergleich zum Vorjahr mit 8,5 Prozent unverändert. Nach wie vor steigt auch der Anteil der Ärztinnen an der Gesamtzahl der berufstätigen Ärzte. Er betrug 46,5 Prozent. 1991 war es noch rund ein Drittel.

Die Krankenhausärzte bewältigen circa 19,8 Millionen Behandlungsfälle im Jahr. Diese Zahl ist in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 2,5 Millionen gestiegen. Da die Deutschen immer älter werden, ist ein Ende dieser Entwicklung nicht in Sicht. Zur Erinnerung: Wissenschaftler prognostizieren bis 2030 einen Anstieg der Lebenserwartung bei Männern in Deutschland von 78 auf fast 82 Jahre und bei Frauen von 83 auf 86 Jahre.

Mehr angestellte Ärzte im ambulanten Bereich

Eine ähnliche Entwicklung gilt auch für den niedergelassenen Bereich. Neuesten Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zufolge, nahmen im vergangenen Jahr 169 866 Ärzte und Psychotherapeuten an der vertragsärztlichen Versorgung teil – 146 054 Ärzte und 23 812 psychologische Psychotherapeuten. Die Gesamtzahl hat sich demnach im Vergleich zu 2015 um 2 550 erhöht (plus 1,5 Prozent). Sie bewältigen jährlich mehr als eine Milliarde Arzt-Patienten-Kontakte.

Weiterhin ungebrochen ist der Trend zur Festanstellung im ambulanten Bereich. Im Jahr 2016 betrug der Zuwachs hier 10,1 Prozent. Die Gesamtzahl der im ambulanten Bereich angestellten Ärztinnen und Ärzte erhöhte sich auf 32 348. Damit hat sich ihre Zahl seit 1993 fast versechsfacht. Die Zahl der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte dagegen sank um 0,9 Prozent auf 119 641. Ein Problem für die Versorgung ist nun, dass sich immer mehr angestellte Ärzte gegen eine Vollzeitstelle entscheiden. Allein im Jahr 2015 stieg der Anteil der Ärzte und Psychotherapeuten in Teilzeitanstellung nach Angaben der KBV um 10,6 Prozent. Für die Versorgung der Patienten bedeutet dies aber, dass mehr Köpfe gebraucht werden, um die gleiche Menge an Arbeit zu leisten.

„Die Politik muss diesen Zusammenhang zwischen mehr Teilzeitarbeit und weniger Arztstunden endlich anerkennen und die Zahl der Studienplätze erhöhen“, fordert Montgomery. Notwendig sei eine Steigerung um zehn Prozent, so der BÄK-Präsident.

Auch die Ärzteschaft hat ein Demografieproblem

Mit rund 54 Jahren ist das Durchschnittsalter der Niedergelassenen hoch. „Unsere Gesellschaft altert, und die Ärzteschaft altert mit. Fast jeder vierte niedergelassene Arzt plant, in den nächsten fünf Jahren seine Praxis aufzugeben“, warnte Montgomery. Zwar stieg im Jahr 2016 die Zahl der unter 35-jährigen berufstätigen Ärzte (plus 2 334). Dem steht aber in den Altersgruppen der 50- bis 59-Jährigen ein Zu-wachs von 1 600, bei den 60- bis 65-Jährigen von 1 172 und bei den über 65-Jährigen von 2 463 Ärztinnen und Ärzten gegenüber.

Dies macht sich im Augenblick vor allem bei den Hausärzten bemerkbar: Laut der KBV ist bei ihnen der Anteil der über 60-Jährigen mit 33,5 Prozent besonders hoch. Dies schlägt sich bereits in nicht besetzten Hausarztsitzen nieder: Laut der KBV gab es im vierten Quartal 2016 bundesweit 2 727 freie Hausarztsitze. Das entspricht einem Zuwachs von 603 im Vergleich zum Vorjahr. „Einem höheren Bedarf an hausärztlicher Versorgung steht eine anrollende Ruhestandswelle bei den Hausärzten gegenüber“, warnt die KBV.

Ein wenig entschärft wird der Ärztemangel durch die Zuwanderung aus dem Ausland. Die Zahl der in Deutschland gemeldeten ausländischen Ärzte stieg im vergangenen Jahr um 9,7 Prozent auf 46 721. Damit besitzen elf Prozent der in Deutschland berufstätigen Ärzte eine ausländische Staatsbürgerschaft.

Die stärksten Zuwächse gab es mit 746 Ärzten aus Syrien, es folgen Rumänien (plus 223), Serbien (plus 218), die Ukraine (plus 160), Russland (plus 109) und Aserbaid-schan (plus 108). Die meisten ausländischen Ärzte stammen damit aus Rumänien (4 285), Griechenland (3 118) und Syrien (2 895), gefolgt von Österreich (2 600).

Ihnen stehen 2 050 Ärzte gegenüber, die Deutschland im Jahr 2016 den Rücken gekehrt haben. Die beliebtesten Auswanderungsländer waren, wie schon in den vergangenen Jahren, die Schweiz (677), Österreich (295) und die USA (112).

Sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Auf dem Arbeitsmarkt sind Mediziner weiterhin äußerst gefragt. Die Bundesagentur für Arbeit meldete 1 943 offene Stellen für Ärzte (Vorjahr: 1 807). Damit herrscht praktisch Vollbeschäftigung. „Wer sich als Arzt niederlassen will, hat beste Aussichten“, betont auch der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Gassen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) böten ihnen Umsatzgarantien, Investitionshilfen, flexible Arbeitszeitmodelle oder eine Tätigkeit zunächst als angestellter Arzt in der Praxis. „Die ambulante Tätigkeit als solche ist nicht das Problem, viele junge Mediziner ziehen die Arbeit in der Praxis sogar dem Großbetrieb Krankenhaus vor. Wir wollen daher in Zukunft verstärkt auf Anreize setzen. Ein wichtiger Bestandteil ist die Aufklärung über die heutzutage vielfältigen Möglichkeiten, den ärztlichen Beruf in der Praxis auszuüben“, sagte der KBV-Chef.

Regionale Informationen zur Niederlassung

Gassen wies daraufhin, dass die KVen ihre regionalen Aktivitäten auf der Webseite www.lass-dich-nieder.de gebündelt darstellen. Die Seite habe sich daher als zentrales Informationsmedium für Medizinstudierende und angehende Ärzte etabliert. Er wies aber darauf hin, dass auch der Staat Verantwortung für die Versorgung trage. „Von der Vorstellung, in jedem Dorf einen Hausarzt zu haben, müssen wir uns verabschieden, wenn auch Schulen, Polizei und Einkaufszentren längst das Dorf verlassen haben“, lautet Gassens Fazit.

Dr. med. Arne Hillienhof

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