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Dtsch Arztebl 2017; 114(20): A-977 / B-813 / C-795


Richter-Kuhlmann, Eva

G20-Gipfel: Globale Antworten gefragt

POLITIK


Globales Krisenmanagement und Antibiotikaresistenzen – mit den Themen werden sich die Gesundheitsminister der G20-Staaten schwerpunktmäßig beschäftigen.

Premieren bezüglich des Themas Gesundheit gibt es einige beim diesjährigen Treffen der Staats- und Regierungschefs der Industrie- und Schwellenländer (G20) in Deutschland. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) setzte als erstes Regierungsoberhaupt überhaupt 2015 die Themen „Globale Gesundheit“ und „Antimikrobielle Resistenzen“ auf die internationale Agenda. Somit wird im G20-Gremium im Juli in Hamburg erstmals nicht nur über Finanzmärkte und Wirtschaftswachstum, sondern auch über Fragen der Weltgesundheit diskutiert werden.

Erstes G20-Ministertreffen

Zum anderen stellt das an diesem Wochenende in Berlin im Vorfeld des Gipfels stattfindende Treffen der G20-Gesundheitsminister eine Premiere dar: Trotz anfänglicher Vorbehalte einiger Staaten werden sich die Gesundheitsminister der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer erstmals gemeinsam über die Verbesserung der Gesundheitsversorgung austauschen.

Die Themen „Globales Krisenmanagement“ und die „Globale Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen“ stünden bei dem Arbeitstreffen im Fokus, erläuterte Bundesgesundheitsminister Herrmann Gröhe (CDU) dem Deutschen Ärzteblatt (Näheres dazu im folgenden Interview). Anhand eines fiktiven Ausbruchs einer tödlich verlaufenden und über die Atemwege übertragenen viralen Infektionskrankheit wollen die Gesundheitsminister an zwei Tagen das globale Krisenmanagement und die Vernetzung miteinander trainieren.

Globales Krisenmanagement, Vernetzung der Staaten untereinander sowie die Organisation von Hilfe vor Ort trainieren die Gesundheitsminister der G20 in Berlin mithilfe eines Planspiels. Foto: picture alliance

„Globale Fragen benötigen globale Antworten“, betonte die Bundeskanzlerin im März vor den Vertretern der 20 Wissenschaftsakademien, die im Rahmen des eigens für den Gipfel geschaffenen Dialogforums „Science20“ eine wissenschaftliche Grundlage für das G20-Treffen erarbeitet hatten. Spätestens seit Ebola wisse man, dass Krankheiten schnell zu einem globalen Problem werden könnten, sagte Merkel. Sie verwies darauf, dass mit der globalen Gesundheit eines der wichtigsten Ziele der Agenda 2030 der Vereinten Nationen in den Blick genommen werde.

Doch nicht nur für das globale Krisenmanagement bei Gesundheitsgefahren, sondern auch für den zweiten Schwerpunkt des G20-Gesundheitsministertreffens, die zunehmende Resistenz von Antibiotika, zeichnet sich seit einiger Zeit eine weltweit verstärkte Aufmerksamkeit ab: Die Europäische Kommission legte 2011 den „Aktionsplan zur Abwehr der steigenden Gefahr der Antibiotikaresistenz“ vor. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelte 2015 einen „Globalen Aktionsplan zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen“, in dem sie alle Mitgliedstaaten aufgefordert, nationale Aktionspläne zu verabschieden.

Risiko auch für die Wirtschaft

Bewusst wird sich die Weltgemeinschaft offensichtlich mehr und mehr nicht nur der gesundheitlichen, sondern auch der wirtschaftlichen Folgen: Das Weltwirtschaftsforum zählt mittlerweile die Zunahme der Antibiotikaresistenzen zu den größten Risiken für die Weltwirtschaft. Es prognostiziert steigende Kosten durch die Behandlung von resistenten Infektionserregern und erhöhte Morbiditäts- und Mortalitätsraten in den nächsten Jahren. 2016 diskutierte schließlich auch die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) erstmals über das Problem der multiresistenten Keime und verabschiedete eine Erklärung, die deutlich die Gefahr benennt: Zentrale Errungenschaften des 20. Jahrhunderts – wie beispielsweise die Erfolge in der Transplantationsmedizin oder in der Versorgung von Früh- und Neugeborenen – könnten durch zunehmende Antibiotikaresistenzen infrage gestellt werden. Zunehmend rückt ins Bewusstsein, dass nur eine internationale Zusammenarbeit erfolgreich sein kann.

„Wenn wir die globale Problematik der Antibiotikaresistenz in den Griff bekommen wollen, müssen wir nach Indien gucken“, meint Dr. med. Christoph Lübbert, Infektiologe am Universitätsklinikum Leipzig. Gemeinsam mit Kollegen und Reportern stellte er Anfang Mai in Berlin die Ergebnisse der Recherche für die ARD-Fernsehdokumentation „Der unsichtbare Feind – Tödliche Supererreger aus Pharmafabriken“ vor. Für diese war er im November 2016 nach Hyderabad, einem bekannten Pharmastandort in Indien, gereist und hatte Wasserproben aus den umliegenden Gewässern genommen. „Sie ergaben Konzentrationen an Rückständen von Antibiotika und Antimykotika, die teils hundert- oder tausendfach über dem angedachten Grenzwert lagen“, erklärte er. In den Proben habe sich zudem eine Vielzahl multiresistenter Keime analysieren lassen. Die Gewässer rund um die indischen Pharmafirmen seien quasi „Bioreaktoren unter freiem Himmel“, da Abwässer und Antibiotika zusammentreffen und beste Bedingungen für die Entstehung neuer Resistenzen böten, sagte Lübbert.

Blick nach Indien

Das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie am Universitätsklinikum Leipzig untersuchte 28 Proben aus Hyderabad. „In mehr als 95 Prozent der Proben fanden wir multiresistente Erreger mit Resistenzmechanismen wie Extended-Spectrum-Betalaktamasen (ESBL) oder Carbapenemasen, erklärte Prof. Dr. med. Arne Rodloff, Direktor des Instituts. „Gegen manche dieser Erreger helfen nur noch ein, maximal zwei bis drei Antibiotika.“ Dazu gehöre Colestin. „Doch während Colestin bei uns noch das absolute Reserveantibiotikum ist, wird es in Indien bereits bei 20 bis 30 Prozent der antibakteriellen Therapien eingesetzt“, berichtet Lübbert. Entwickelten sich neue Resistenzen, hätte man schon bald nichts mehr in der Hand – eine Warnung, die auch die WHO aussprach (siehe Kasten).

Denn die indischen Gewässer sind nicht nur ein Sammelbecken für Erreger: Der Pharmakologe Prof. Dr. med. Fritz Sörgel, Direktor des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Nürnberg, untersuchte die Proben auf Rückstände von Antibiotika und Antimykotika. „Es wurden in fast allen Proben hohe Konzentrationen gefunden, die das Entstehen von Resistenzen begünstigen“, berichtete er. Eine Probe habe beispielsweise pro Liter 237 Milligramm Fluconazol enthalten. Das sei eine Konzentration, die 20-mal höher liege als der Wert, den Patienten während der Therapie im Blut hätten. Sörgel ist überzeugt: Bei den untersuchten indischen Gewässern handelt es sich um „Zeitbomben“. Die Konzentrationen an Arzneimittelrückständen in der Umwelt seien eine globale Problematik, über die man sich in der G20 verständigen müsse.

Denn angesichts der globalen Vernetzung verbreiten sich multiresistente Erreger sowie ihre spezifischen Resistenzmechanismen schnell weltweit. „Mehr als 70 Prozent aller Indienreisenden sind Träger der Erreger, bei Reisenden aus Südostasien etwa 50 Prozent“, erläuterte Lübbert.

Global vernetzt ist auch die Wirtschaft. So beziehen deutsche Hersteller Antibiotika und Antimykotika beziehungsweise deren Vorstufen aus Indien. Verantwortlich für die Produktionsweise in Indien sehen sie sich nicht. „Pharmaunternehmen kontrollieren die Qualität ihrer Zulieferer im Ausland nach den gesetzlichen pharmazeutischen Standards. Die Industrie hat jedoch keinen Einfluss auf die von den jeweiligen Ländern gesetzten Umweltstandards“, stellte Norbert Gerbsch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI), klar. Er appellierte jedoch an Pharmaunternehmen, den Bericht zum Anlass zu nehmen, um auf die Einhaltung vereinbarter Umweltrichtlinien stärker einzuwirken.

Das Umweltbundesamt fordert jedoch eine Erweiterung der Vorschriften zur „Good Manufacturing Practice“, GMP, auf Umweltaspekte. Gröhe hält indes eine Verschärfung der GMP-Richtlinien nicht für geeignet, wie er der ARD sagte. Er betonte vielmehr, dass alle Länder selbst Verantwortung übernehmen, Industrie- und Umweltstandards erarbeiten und diese vor Ort zu kontrollieren müssten.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Antibiotika: WHO erstellte Dringlichkeitsliste

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Anfang dieses Jahres eine Liste von zwölf Bakteriengruppen veröffentlicht, für die aufgrund global zunehmender Resistenzen dringend neue Antibiotika benötigt werden.

Als besonders besorgniserregend stuft die WHO die Resistenzlage bei Acinetobacter baumannii, Pseudomonas aeruginosa und den Enterobacteriaceae ein. Sie hätten Resistenzen gegen Carbapeneme entwickelt. Einige Enterobacteriaceae produzierten zudem Betalaktamasen (ESBL), sodass nur noch Reserveantibiotika wie Colistin wirksam seien. In eine zweite Gruppe mit nachgeordnet „hoher Priorität“ für die Entwicklung neuer Antibiotika stuft die WHO Enterococcus faecium, Staphylococcus aureus, Helicobacter pylori, Campy-lobacter, Salmonellen und Neisseria gonorrhoeae ein. Bei ihnen bestünden Resistenzen gegen Vancomycin beziehungsweise gegen Fluorchinolone. Zur dritten Gruppe mit „mittlerer Priorität“ gehören nach Ansicht der WHO Streptococcus pneumoniae, Haemophilus influenzae und Shigellen. Hier existierten Resistenzen gegen Penicillin, Ampicillin und Fluorchinolone. Die Liste soll auf dem Treffen der G20-Gesundheitsminister diskutiert werden.

Die Liste im Internet: http://daebl.de/KA46

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